32.632x gelesen 110x abonniert Ausgabe 29/26 13.07.2026 IdioLoLcrazy Jetzt registrieren

Zwei Zentimeter- Leberwurstfinale Verfasst am : 13.09.2025 22:33

Auf dem Boden lagen Staubkörner wie Steine herum. Weggeschnippste Popel stapelten sich wie Felsbrocken auf dem Linoleum, ebenso Brotkrümel, Haare und zermatschte Fruchtfliegenleichen, die aber aufgrund der Zeit kaum von Popeln zu unterscheiden waren. Wenigstens hatten wir fürs erste Nahrung.

„So bald wir wieder groß sind solltest du dringend mal staubsaugen.“, belehrte mich mein Nachbar abermals, während wir uns vorsichtig aus der Deckung des Bettes wagten. Für mich klangen diese Worte angesichts der Umstände wie realitätsfernes Gefasel, aber ich wagte nicht zu widersprechen. Immerhin hatte mein Nachbar gerade seine Familie an den hauseigenen Schäferhund Bruno verloren, und ich nahm an, dass das seine Art war mit einem Schock dieser Größe emotional fertig zu werden.
„Ob die anderen Nachbarn auch so klein sind wie wir?“ Mein Nachbar sah mich mit großen Augen an. „Weißt du wie scheißegal mir das ist?“ Offensichtlich saß der Schock tiefer als ich dachte. Ich entschloss mich zu einer neuen Strategie. Traumatisierte Psychos muss man nur beschäftigen. „Ne Idee was wir als nächstes tun?“
„Wir schalten deinen Computer oder dein Smartphone an und erfahren was zum Geier hier los ist.“, entgegnete er grimmig. Und so klug der Gedanke auch war, ich musste unbedingt irgendeinen Schrott erwidern. „Ich hab kein Smartphone.“ Zu meiner Überraschung erkannte ich in seinen Augen so was wie Respekt als er mir zunickte. „Respekt! Dann eben dein Computer. Einer von uns klettert den Tisch zur Fernbedienung des Fernsehers hoch und der andere den...“, er sah sich meine hausgemachte Konstruktion an, „Tower! Wollen wir schnick schnack schnuck spielen um das auszulosen, oder machst du freiwillig den Computer an?“ Sein blödes, irres Grinsen machte mir eines deutlich. Je eher wir getrennte Wege gingen, desto besser. Außerdem war er viel stärker als ich. Wir winkten uns ein vorletztes mal zu.
Aus der Ferne sah ich ihm bewundernd zu, wie er sich an den Sesselfusseln hochhangelte und schließlich auf den Tisch sprang. „Dein Tisch sieht aus wie eine riesige Müllhalde!“, brüllte er lachend und wollte gar nicht mehr aufhören. „Ist das Gras da in der Plastikbox? Nein, sag nix! Es ist Gras, und dann dieser riesige Joint, heilige Scheiße. Ich wusste gar nicht das du 'n Kiffer bist, ich hab dich immer für nen verrosteten Spießer gehalten.“
„Du musst die HDM3 Taste drücken.“
Er nickte und rief: „Mooment! Ich muss das Kackteil erst mal aus der Leberwurst ziehen..ääääh...chz...äääähuuu!“
Gott, war mir das peinlich und unangenehm. Da lagen zwei alte Teller übereinander gestapelt, gefühlt um die zwanzig leere Tabakstüten, mehrere leere Bierflaschen und Kronkorken, jede Menge Kronkorken. Und natürlich die Leberwurst.
„Deine Leberwurst schmeckt leicht angeschlagen!“, feixte mein Nachbar. Sekunden später erstrahlte der Fernseher in hypnotischen Blauton. „Du bist dran, Dreckspatz!“

Ich stand noch immer wie angewurzelt vor dem Tower. Wie sollte ich da hoch kommen mit meiner Höhenangst. Meine innere Stimme mahnte. ,Du bist doch heute schon mal fünfzig Zentimeter gefallen, ohne dir was zu brechen. Was ist da schon ein Meter?'
Die ersten fünfzig Zentimeter am Rand des Pappkartons waren tatsächlich leichter als gedacht. Mein Nachbar klatschte Beifall und naschte nebenbei an der Leberwurst. Meine KI aber war glatt wie ein Ei. Wie da hoch kommen? Die Antwort war so einfach wie sie schrecklich war. Es war ein Spinnenfaden der direkt zum Dach des Towers führte. Aber was, wenn er noch aktiv war? Ich brauchte dringend eine Waffe. Am besten eine Nadel, oder einen Zahnstocher. Und wie der Zufall so wollte lag fünfzig Zentimeter unter mir eine Sicherheitsnadel.
Einige Zeit später.
Mit der Sicherheitsnadel auf dem Rücken wagte ich den Aufstieg. Und natürlich war dieser Faden noch aktiv. Auf halber Strecke kam sie mir mit ihren langen Beinen entgegen. Wie ein Held stieß ich ihr immer wieder neben die Beine, bis mit klar wurde wie unsinnig mein Unterfangen war. Ich musste ihren Körper in Distanz der Nadel kommen lassen, wobei immer die Gefahr bestand, dass sie mich durch einwickeln bewegungsunfähig machen konnte. Und so geschah es dann auch. Zwei lange Hinterbeine schlängelten sich von der Seite an mir vorbei und begannen meine Füße einzuwickeln. Der Spinnenkörper näherte sich. Ich stieß zu. Ein ohrenbetäubendes Kreischen betäubte den Raum. Ich fiel und spürte einen unbändigen Schmerz beim Aufprall. Nur mühsam hoben sich meine verklebten Augenlider. Etwas kam auf mich zu. Schemenhaft erkannte ich eine Spinne. Wie aus einem Reflex heraus schlug ich zu und betrachte anschließend meine Handfläche. Ich habe ein Spinnenbaby ermordet dachte ich bedauernd und begann mich zu erheben. Als erstes prallte ich gegen den Tower und erlöste den Pappkarton, der sein Versprechen noch vor seiner Zeit einlösen konnte. Die KI prallte erst gegen das Balkonfenster und dann krachend auf den Boden und hatte schwere innere Verletzungen zu beklagen. Und ich war offensichtlich aus dem Bett gefallen und hatte alles nur geträumt. Ich hatte ja schon öfter Alpträume, aber das...
Nur mühsam kam ich in die Gänge, aber alles was ich tat wirkte intensiver als je zuvor. Ich freute mich sogar auf die Arbeit. Beinahe fröhlich öffnete ich die Tür. Mehrere Polizisten verstopften die Treppe. Anscheinend nahmen sie mal wieder meinen Nachbarn fest.
„...nehmen wir Sie wegen des Dreifachmordes an Ihrer Frau und Ihren Kindern fest. Haben Sie meine Worte verstanden? Dann unterschreiben Sie!“ Mein Nachbar stand nur versteinert da. Sein rechter Arm führte die Hand wie mechanisch zur Unterschrift. „Ich habe alles verstanden und gebe alles zu.“
Dann sah er mich. Sekundenlang stand sein Mund offen und er starrte mich einfach nur an. Plötzlich sammelten sich Tränen in seinen Augen, seine weit geöffneten Mundwinkel verzogen sich nach oben und er begann schrill zu lachen und zu schreien: „Hey Dreckspatz! Halt deine Bude sauber, hahahahaahahaa...“




...




geschrieben von gottileini

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4.78/18

Kommentare

Cooker schrieb am 15.09.2025 09:13 Uhr

Genau: Der berühmt-berüchtigte fuzzikappianische Zerberus der Literaturszene, Meta Pher, ... bissige Kommentare, wortgewaltiges Knurren und so manches üble Häufchen, aber immer an der richtigen Stelle platziert ... Hund gesund, Stimmung rund. Metaphorisch natürlich.

Die Relevanz der Spinne(r) wurde hier noch zu wenig gereichranickit. Was wenn auch sie in dieser fabelisken Kurzerzählung als Mett-Affer einzuordnen wäre?

Und kommt:
Der kafkaeske Krabbler "mit der Sicherheitsnadel auf dem Rücken" - was für ein Bild!

Gut so banale Fragen wie: Klebt das spitze Ding am Panzer? Sollklebestelle? Und wie genau konnte er Spinni pieksen? Körperbeherrschung? Oder wochenlang antrainierte Virtuosität in der Beherrschung des Nadeldegens durch Stemmen von Monsterpopeln?`

So viele Fragen ... vielleicht aufgelöst in der nächsten Staffel!

Schorsch Chancentod schrieb am 14.09.2025 21:49 Uhr

und was, wenn es gar keinen Hund gibt? Vielleicht war der Hund eine Metapher?

Tommy Oliver schrieb am 14.09.2025 18:42 Uhr

Ich mag die Geschichte nur, wenn es dem Hund gut geht.

Schorsch Chancentod schrieb am 14.09.2025 14:28 Uhr

Eine Erzählung mit einem richtigen, fein konstruierten Ende! Das gibt es hier ja selten. Das Leben schreibt sie auch nicht so, aber der Herr gottileini schreibt besser als das Leben.

Cooker schrieb am 14.09.2025 09:03 Uhr

Vielen Dank! So was von einem verfrühten Weihnachtsgeschenk. Beim Lesen immer mehr gefesselt und dann diese schöne Auflösung des Plots.

gottileini schrieb am 13.09.2025 23:57 Uhr

Das weiß nur der Hund. ;)

Tommy Oliver schrieb am 13.09.2025 23:53 Uhr

Geht es dem Hund gut?