1.594x gelesen 27x abonniert Ausgabe 20/26 17.05.2026 KT Rinnenkings Jetzt registrieren

Matrix Verfasst am : 16.04.2026 19:45

eine Flucht aus der Realität

Es ist ein beschissener Tag.
Regen prügelt vom Himmel, der Wind pfeift wie ein schlecht gelaunter Platzwart mit Laubbläser durch die Häuserschluchten,
und der ganze Dreck der Straße klatscht dir ins Gesicht, als hätte sich das Universum persönlich vorgenommen, dir heute in die Eier zu treten.


So ein Tag, an dem man sich fragt, warum man überhaupt aufgestanden ist.
Selbst der Kaffee von Moon-Bucks schmeckt, als hätte jemand Aschenbecherwasser durch den Filter gejagt.

Es ist nicht nur ein beschissener Tag.
Es ist ein trauriger Tag.

Die KT Rinnenkings haben den Aufstieg in die 3. Liga verkackt!

Das Handy klingelt.
Karla Kolumna.

Ich liege noch halb tot im Bett, verkatert bis unter die Schädeldecke, zermürbt vom Frustsaufen nach der Niederlage gegen den „FC Die Kleinen“.
Mit letzter Würde nehme ich ab.

Sie redet wie ein aufgezogenes Kofferradio auf Dauersendung nach drei Dosen Energy und ohne Aus-Knopf.
Fotos. Tagebücher. Irgendwas Großes.
Ich verstehe kaum ein Wort.

Es ist elf Uhr morgens.
ELF.

Unchristliche Zeit für Menschen meines Zustands.

Ich will wieder pennen.
Einfach weg.
Aber ich verspreche, in die Redaktion zu kommen.
Es wäre ehrenlos, jetzt nicht aufzutauchen und sich stattdessen wieder aufs Ohr zu hauen.

Im Büro dann das nächste Bild für die Galerie des Absurden:
Karla sitzt auf der Leder-Couch.
Neben ihr Alexandra Neumann – Physiotherapeutin der Rinnenkings und offenbar inzwischen mehr als das.
Offensichtlich sind die beiden jetzt ein Liebespaar.


„Schade“, denke ich mir leise.
„Diese Alexandra Neumann könnte glatt als Zwillingsschwester von der verdammt heißen Linda Lindemann durchgehen…“

In meinem Kopf laufen Filme, die mit Journalismus ungefähr so viel zu tun haben wie van Heutchen mit Bescheidenheit.
Ich reiße mich zusammen.
Mehr schlecht als recht.

Auf dem Tisch: Fotos, lose Blätter, Chaos.
Also alles wie immer – nur mit mehr Drama.

„Hier, schau dir das an“, sagt Karla und drückt mir ein Bild in die Hand.

Van Heutchen.
Natürlich.
Wer auch sonst!?


„Und das hier musst du lesen.“

Ein Tagebucheintrag

Ich lese:

„Ich muss mich entscheiden. Nehme ich die blaue Pille? Bleibe ich in der bequemen Lüge?
Oder nehme ich die rote Pille und sehe die Wahrheit - egal wie dreckig sie ist?
Ich bleibe in der Matrix … oder ich erkenne, was diese Welt wirklich ist!?
So kann ich jedenfalls nicht weitermachen.“


Ich starre auf das Papier.
Mir wird kurz nüchtern.
Und übel.
Ich will ein Bier.

Was zum Teufel…

Ist das der Moment, in dem dieser größenwahnsinnige Zirkusdirektor endlich komplett durchdreht?
Oder schlimmer: aufwacht?

„Hier ist noch mehr“, flüstert Karla und hebt einen Bierdeckel hoch.
Dreckig, speckig, durchtränkt von Bier, Senf und Rotwein – also quasi ein offizielles Vereinsdokument.

Karla grinst schief.
„Erinnerst du dich an Weihnachten bei van Heutchen in der Villa?“

Leider ja.
„Das Interview ist beendet! Verlassen Sie sofort das Haus – oder ich lasse die Hunde los!“

Ich hatte Todesangst und vermutlich weniger Würde als der Teppich im Flur.


„Den hat mir Linda zugesteckt“, sagt Karla und hält mir den stinkenden Deckel unter die Nase.
„Konnte lange nichts damit anfangen. Aber jetzt… es geht um Betrug. So schnell? Das kann nicht legal sein! Irgendwer hat da richtig Scheiße gebaut. Der Name ist kaum lesbar… irgendwas mit—“


BAM!!!

Die Tür fliegt auf.
Mehr Nebel als im Darkroom vom Berghain an Silvester.

Ein Typ steht im Raum.
Schwarzer Trenchcoat, geschniegelt wie aus einem billigen Actionfilm.
Schwarzer Rollkragen. Kampfstiefel. Diese alberne, kleine Sonnenbrille.
Irgendwo zwischen Terminator auf Wish bestellt und Matrix für Arme.

Komplett drüber.
Komplett ernst.
Cringe in Reinform.


Er schaut uns an und sagt nur:

„Folgt nicht dem weißen Kaninchen.“

Ich schrecke hoch.

Mein Bett.
Mein Zimmer.

Ich bin klatschnass geschwitzt, stinke nach Bier, Nikotin und schlechten Entscheidungen.
Der Kopf hämmert wie ein Presslufthammer auf Koks.

War das alles nur ein Traum?

Ich greife zum Handy.

Nachricht:
KT Rinnenkings verpassen den Aufstieg!


Scheiße.
Also doch Realität.


Ich starre ins Leere.

Dann sehe ich es.

Unter meinem Bett.

Ein dreckiger, speckiger, erbärmlich stinkender Bierdeckel.

Ich hebe ihn auf.
Drehe ihn.
Starre ihn an, als könnte er mir die Wahrheit ins Gesicht schreien.


Und sehe:

Nichts

geschrieben von van Heutchen

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