Mycroft saß in seiner Limousine und starrte nachdenklich aus dem Fenster. Er
hatte nicht gelogen, als er seinen Bruder gewarnt hatte, dass die Anwesenheit
von Doktor Watson seine kühnsten Phantasien übersteigen würde. Bei aller
Loyalität. Watson war ein Risikofaktor geworden, und nicht mal Mycroft war
optimistisch genug anzunehmen, dass seine Vorgesetzten den guten Doktor aus
reiner Menschlichkeit verschonen würden. Was er allerdings nicht bemerkt hatte
war, dass ausgerechnet sein Bruder Sherlock die Wanze an seinem Jackett mit
einem gezielten Mikrowellenangriff so beschädigt hatte, dass sie praktisch
keinerlei Signale mehr senden konnte. Niemand
misstraut einer Violine. Eine Erfahrung die ihm erst noch bevorstand,
denn noch war er der festen Überzeugung, dass seine Vorgesetzten jedes Wort der
Unterhaltung mitgehört hatten.
Entsprechend eisig wurde er im Buckingham Palast empfangen, ohne zu wissen
warum. Den Blicken nach zu urteilen die man ihm zuwarf, wurde er geradewegs auf
ein Schafott geführt. Aber warum? Er hatte nichts falsch gemacht, es sei denn…
Natürlich. Sherlock hatte irgendwie seine Wanze deaktiviert. Unwillkürlich fiel
ihm die Violine ein. Und so wie er seine Vorgesetzten kannte, würden sie ihm aus
rein anerzogenem Misstrauen sofort eine Mittäterschaft unterstellen, und in ein
unterirdisches Verhörzimmer führen. Wie er es manchmal hasste recht zu haben.
Wenige Minuten später im Verhörzimmer.
Es war entwürdigend. Einfach nur entwürdigend. Nicht, dass Mycroft Verhörzellen
fremd waren, aber wenn er je auf der anderen Seite des Tisches saß, dann
ausschließlich im Ausland, als er noch Agent war. Von seinen eigenen Leuten
verhört zu werden war aber einfach nur entwürdigend, auch wenn ihm die Gründe
des Empires natürlich völlig klar waren. Umso mehr ärgerte er sich über seine
eigene Dämlichkeit. Er hatte nicht nur den Doktor, sondern darüber hinaus auch
seinen Bruder, und nicht zuletzt sich selbst in eine mehr als unangenehme Lage
gebracht. Und dann noch dieses Warten.
Immerhin hatte er währenddessen Zeit sich geistig mit seinen künftigen Verhörern
zu beschäftigen, die allerdings nicht lange andauerte. Das waren zwar alles
kluge und clevere Leute, aber sie hatten ihre Ausbildung vor allem ihm zu
verdanken, und natürlich kannte er sie auch persönlich. Goldfische eben. Wen
also würde man schicken?
Die Antwort darauf sollte auf sich warten lassen.
Bakerstreet 221 b
John Watson wurde allmählich unruhig. Sherlock kaute bereits seit einer halben
Stunde auf einem Bleistift herum, und kontrollierte alle zehn Sekunden seine
Fortschritte. „Für so etwas gibt es Bleianspitzer!“, verschaffte John seinem
Ärger schließlich lauthals Luft. Holmes hielt inne und warf dem Doktor einen
erstaunten, und zugleich sehr verwirrten Blick zu. „John, Sie sind ein Genie!“
Kaum ausgesprochen sprang er auf, stürzte sich in seinen Mantel und eilte zur
Tür. Dann warf er Watson diesen typischen Blick zu. Muss ich erst bitten, oder wollen wir tanzen?
Watson spielte die Primadonna. „Ich komme nicht mit!“
„Wie bitte?“
„Ja nun tun Sie nicht so überrascht, ich komme nicht mit!“, erwiderte John
Watson entschlossen.
„Was soll das denn jetzt? Da draußen wartet der größte Fall aller Zeiten auf
uns, und Sie wollen lieber hier bleiben?“
„Ganz genau!“
„Gibt es auch einen Grund für Ihre kindhafte Sturheit?“
„Wie wäre es, wenn Sie mal in den Spiegel schauen.“, antwortete John
schnippisch. Sherlock verdrehte die Augen. „Ich wüsste zwar nicht wie uns das
voranbringen sollte, aber gut.“ Sherlock schaute in den Spiegel neben der
Garderobe ohne etwas anderes als sich selbst dabei zu entdecken.
„So habe ich das nicht gemeint, und das wissen Sie genau!“, maulte John.
„Wie haben Sie es dann gemeint?“, spielte Sherlock den Unwissenden. John
stöhnte. „Jedes Mal wenn ein großer Fall ansteht speisen Sie mich wie einen
kleinen Jungen mit Brotkrumen ab, und ehe ich mich versehe stecken Sie in
Schwierigkeiten und ich muss Ihnen den Arsch retten!“
„Guter Hinweis, Watson. Nehmen Sie den Revolver mit!“, antwortete Sherlock und
wandte sich erneut der Tür zu.
„Haben Sie mir überhaupt zugehört?“, entfuhr es dem Doktor empört.
„Ich höre Ihnen immer zu, John, auch wenn es mir manchmal Schmerzen bereitet.
Außerdem haben Sie doch Mycroft gehört. Sie einzuweihen hat ernsthafte
Konsequenzen, und so wie ich das sehe sind Sie eingeweiht. Also hören Sie auf zu
nörgeln und vertrauen Sie mir.“
Langsam erhob sich John aus seinem Sessel, ging in die Küche, öffnete eine
Schublade und nahm den Revolver an sich. Dann begab er sich gemächlich zur Tür
und sah seinen Chef mit großen Augen an. „Jetzt zufrieden?“
Verhörzimmer 213 im Keller des Buckingham Palastes.
Wie lange sein Kopf auf dem unbequemen Tisch des Verhörzimmers gelegen hatte,
wusste Mycroft nicht. Er hatte jedes Gefühl für Zeit verloren, was daran lag,
dass man ihn während seiner Schlafphase eine sehr interaktive Droge eingeflösst
hatte. Das gehörte praktisch zur Standardvorgehensweise, wenn es um schwierige
Gefangene ging. Außerdem war er nicht mehr allein im Zimmer.
„Wie lange habe ich geschlafen?“ Während er so tat, als würde er sich noch
vollkommen im geistig komatösen Aufwachzyklus befinden, waren seine Sinne
bereits hellwach. Die Antwort blieb aus. Mycrofts Augen blieben an einer Gestalt
haften, die ihn an seine bösesten Kindheitsphantasien erinnerten. Eine Gestalt
in einem schwarzen Umhang mit verborgenem Gesicht, welche schwarzen Atem spie.
Zweifellos eine Suggestion durch die Droge. Mycroft versuchte angestrengt seinen
Realitätssinn zu wahren. Er dachte an den Film: „Männer die auf Ziegen starren“.
Ein probates Mittel um mit der Realität in Kontakt zu bleiben. Gleichzeitig
meldete sich sein Gewissen, das ihn für die Mittäterschaft an den Leiden seines
Geistes zur Verantwortung zog. Das Ganze verzog sich zu einer Dauerschleife, der
Mycroft immer mehr zu folgen begann. „Haben Sie gewusst, dass Ihr Bruder ein
Gerät in seinem Besitz hat, das es ihm ermöglicht ihre Wanze außer Gefecht zu
setzen?“
Die Dauerschleife begann sich zu lösen. Sein wie auch immer gearteter
Verhörmanager hatte einen entscheidenden Fehler begangen.
„Kann ich diese Frage so lange als irrelevant in den Kontext unserer
Unterhaltung stellen, bis Sie diese bescheuerte Maske ablegen?“
Die Maske überlegte kurz.
„Das könnte schwierig werden.“
„Und warum?“
„Sie stehen unter Drogen, Sie könnten sonst wen erkennen.“
Mycroft hielt einen Augenblick inne. Die Verhörtechnik war ihm zwar nicht
unvertraut, aber es gab nur wenige Schüler, die sie noch verwenden konnten, da
die meisten von ihnen durch mysteriöse Unfälle ums Leben kamen.
„Versuchen Sie es einfach!“, munterte Mycroft ihn auf, um es im selben
Augenblick zu bereuen. Die Maske lichtete sich und es kam etwas zum Vorschein,
von dem selbst Mycroft Holmes geglaubt hätte, es würde ihm nie wieder begegnen.
„Moriarty…“
„Vertrauen Sie immer noch Ihren Drogen?“
„Sie sind tot!“
„Und Sie sind auf Droge! Ist das nicht herrlich?“
ff