Angeln und Jagen
Die Frau des Anglers wartete bereits, ohne zu wissen was auf sie zu kam. Sie war
einst eine kolossale Schönheit die nie gedacht hätte jemals in eine solche
Situation zu geraten. Aber wie viele Frauen vor ihr machte sie die Erfahrung,
dass Schönheit eben nicht alles war. Im hier und jetzt war sie eine 48 Jahre
alte Frau mit Falten, angegrauten, lockigen Haaren und ein paar Kilo zu viel,
was sie zweifellos ihrem Mann zu verdanken hatte der sich stets darum bemühte,
dass Hunger selbst in Zeiten wie diesen keine Rolle spielte.
Liebe und körperliche Begehrlichkeiten gehörten allenfalls zu einem Teil ihrer
Erinnerungen den sie am liebsten vergessen wollte, schon allein deshalb, weil
sie Realistin war. Und in dieser Realität war ihr Mann schon längst nicht mehr
der strahlende junge Liebhaber von einst. Wenigstens schaffte er genug Essen
heran, und das war heutzutage mehr als man von anderen Männern erwarten konnte.
Wenn er auf Nahrungssuche ging hatte sie nur eine Aufgabe. Zeckenwarnschilder
kontrollieren, Essen vorbereiten, und den Wohnwagen sauber halten. Es gab
eigentlich nur eine Sache die sie bedauerte und wofür sie ihren Mann abgrundtief
hasste. Sie war nie Mutter geworden. Nicht das es an Gelegenheiten oder der
praktischen Umsetzung gemangelt hätte. Oh nein, die Sache war viel schlimmer.
Lange nach ihrer Flucht aus der großen Stadt vor dem großen Krieg hatte er ihr
gebeichtet, dass er zeugungsunfähig war, und das als großen Glücksfall
bezeichnet, und damit begründet, wie albern es wäre in einer solchen Zeit ein
Kind großzuziehen. Seitdem hasste sie ihn noch mehr.
Seine Ankunft registrierte sie mit einer Mischung aus Langeweile, Verärgerung
und Neugier.
„Ich habe eine Festmahl für uns gefangen!“, verkündete er stolz und zeigte den
ein Meter langen Aal. Die Frau des Anglers sah kurz auf, war zugegeben kurz
beeindruckt, und putzte anschließend weiter die Fenster. „Leg ihn auf den
Küchentisch, ich kümmere mich gleich um ihn.“, erwiderte sie ohne ihre Arbeit zu
unterbrechen. Der Angler seufzte schwer. „Wozu brauche ich dich eigentlich noch,
wenn du nicht mal die kleinsten Sachen erledigen kannst?“
Erbost warf die Frau den Putzlappen zu Boden. „Ohne mich wäre dieser Wohnwagen
ein einziger Saustall!“, fauchte sie wild. „Jemand hat eines unserer
Zeckenwarnschilder entfernt.“; antwortete der Angler ruhig. „Und zwar weil du
nicht aufgepasst hast.“, fügte er zornig hinzu. Die Frau begann mit ihrer Atmung
zu arbeiten. „Weil ich nicht aufgepasst habe? Und was ist das hier?“ Mit einer
schnellen Handbewegung zog sie die Decke von der Sitzecke und enthüllte die
frische Leiche eines jungen Mannes mit eingeschlagenen Schädel. Der Angler
konnte gar nicht anders als beeindruckt zu sein. Dennoch blieb ein Restzweifel.
„Sicher, dass er das Schild geklaut hat?“ Die Frau bückte sich und kramte das
Schild unter der Sitzecke hervor. „Während du angeln warst, war ich jagen. Er
wollte gerade die Polizei anrufen, da hab ich ihn erwischt. Eigentlich wollte
ich ihn am Leben lassen, aber er hat darauf bestanden uns wegen falscher
Schilder anzuzeigen.“ Der Angler vergaß seinen Zorn und nickte. „Was dagegen
wenn ich den Aal zubereite?“
„Ist mir scheißegal, Hauptsache du schaffst die Leiche weg.“
„Hast du den Akku für die Säbelsäge aufgeladen?“
„Wie hatten zu wenig Sonne, du musst das mit der Knochensäge von Hand machen.“
Der Angler war nicht glücklich darüber, unterwarf sich aber der Einschätzung
seiner Frau. Kaum setzte er an, begann das mutmaßlich gestorbene Opfer störende
Lebenszeichen zu senden. „Bitte, tun Sie das nicht!“
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Verfasst am : 23.06.2026 00:11
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Angeln
Ein Angler saß am Ufer des Oder Havel Kanals. Er hatte zwei Grundangeln
ausgelegt und eine sieben Meter Stippe in der Hand. Sein fetter Hintern saß auf
einem Campingstuhl mit Rückenlehne und neben ihm lief Klassikradio aus einem
Batteriebetriebenen Radio. Die Grundangeln blieben ruhig aber an der Stippe, die
er mit Maden geködert hatte, biss es in einer Tour. Meist waren es Kaulbarsche
die den Haken bis zum Arsch schluckten. Früher hätte er sie nach weidgerechter
Operation einfach wieder ins Wasser geworfen, aber heute riss er den Haken samt
Eingeweiden einfach aus ihnen heraus und warf die leblosen Kadaver in seine
Kühlbox. Das lag an der unliebsamen Zeit in der er lebte und die er
vorausgesehen hatte. Schon vor Jahren hatte er seine Wohnung gekündigt und all
sein Erspartes in einen gebrauchten Campingwagen und eine Angelausrüstung
gesteckt um wenigstens satt zu werden. An guten Tagen verkaufte er die
gefangenen Fische um sich hin und wieder ein wenig Fleisch und Brot kaufen zu
können. Kaulbarsche waren zwar klein, hatten aber im Gegensatz zu den
Weissfischen wenig Gräten und einen weniger modrigen Geschmack und ließen sich
nach dem Ausnehmen durchaus gut verkaufen. Seinen Campingwagen hatte er einige
hundert Meter entfernt in einem Wald geparkt von dem er wusste, dass er kaum von
Menschen frequentiert wurde. Um das sicher zu stellen hatte er das Waldstück mit
Schildern umstellt die vor invasiven Zecken warnten, welche exotische
Krankheiten übertrugen die zu einer tot bringenden Pandemie führen konnten. Das
funktionierte seit Ausbruch des Krieges bestens. Denn während in den Großstädten
ein Bombenalarm den nächsten jagte, galten Wälder mit Pandemiezecken als noch
unsicherer.
Plötzlich meldete sich der Bissanzeiger an einer der Grundangeln die er mit
Tauwürmern versehen hatte. Der Angler legte die Stippe beiseite und nahm die
Grundangel vorsichtig an sich. Als er spürte, dass der Widerstandsfisch sich am
Haken verbissen hatte hieb er an und begann den Drill. Die Angeln bog sich als
hätte Mobby Dick höchstpersönlich den Haken geschluckt. Die Augen des Anglers
leuchteten wie eine Silvesternacht aus den Achtziger Jahren. Geduldig drillte er
den Fisch müde bis er ihn schließlich erfolgreich im Kescher landete. Es war ein
fast ein Meter langer Aal den er gefangen hatte, und genau in diesem Moment
hielt ein Wagen hinter seiner Angelstelle. Noch ehe der Angler den Aal
weidgerecht versorgen konnte stieg ein etwa 50 jähriger Mann mit Glatze und
Bierbauch aus dem Auto und gesellte sich zu ihm.
„Petri Heil!“, begrüßte er den Angler.
„Petri Dank.“, erwiderte der Angler.
„Sie angeln mit drei Angeln, obwohl nur zwei erlaubt sind.“, bemerkte der
glatzköpfige Bierbauch streng. Der Angler, der etwa im selben Alter war und dem
Neuankömmling in Sachen Glatze und Bauch in nichts nachstand blickte
hoffnungsvoll in dessen Richtung. „Wenn das ein Problem ist, nehme ich gern eine
Angel raus.“
„Das wäre ein Anfang, und dann zeigen Sie mir Ihren Angelschein.“, beharrte der
Mann.
„Selbstverständlich“, sagte der Angler und kramte in seiner Anglertasche bis er
endlich gefunden hatte wonach er suchte. Als nächstes richtete er seine Pistole
auf den vermeintlichen Kontrolleur. „Das ist mein Angelschein!“
„Um Gottes Willen, nehmen Sie die Waffe runter, ich werde Sie auch nicht
verraten!“, ächzte der Kontrolleur während der Angstschweiß von seinem Gesicht
tropfte. Ein Schuss fiel. Der Kontrolleur sackte ungläubig zusammen, fiel die
Böschung hinunter und landete klatschend im Kanal. Seine Leiche würde irgendwann
bis in die Havel gespült, so die Fische genug davon übrig ließen. Der Angler
ging zufrieden zu seinem Wohnmobil. Kurz bevor er es erreichte machte er eine
entsetzliche Entdeckung. Jemand hatte eines seiner Zeckenwarnschilder entfernt.
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Verfasst am : 15.06.2026 00:17
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Schlittschuhfahren im Sommer
Natürlich kam es vollkommen anders. Der Wagen
wurde angehalten. Die Polizei nahm Meier fest, und Bruno, ich und die
Streichholzschachtel wurden achtsam in Gewahrsam genommen. „Wir bringen euch
zurück nach New Berlin. Da seid ihr in Sicherheit.“, sagte einer der Beamten.
Das Erwachen aus einem Alptraum ist wie Schlittschuhfahren im Sommer. In diesem
Fall waren es meine Nachbarn. Es herrschte wie üblich Stress und polterte so
laut, dass man es im ganzen Haus hören musste. Der Wecker neben meinem Bett
zeigte die Uhrzeit an. Es war 5 Uhr 42. Irgendwer hatte schon die Bullen
gerufen, doch das Geschrei und Gepolter wurde dadurch nicht leiser. Jedenfalls
war mit nochmal einschlafen Sense. Die Neugier trieb mich aus dem Bett.
Verschlafen näherte ich mich meiner Wohnungstür und linste durch den Spion.
„Halten Sie Ihren Hund zurück!“, rief einer der Beamten. „Bruno, sitz!“, befahl
mein Nachbar. Bruno gehorchte und mir wurde augenblicklich schlecht. Ich
torkelte zurück in mein Wohnzimmer und sah aus dem Fenster das Blaulicht. Ein
Krankenwagen war auch dabei. Wie üblich würden sie die Dame des Hauses darin
einquartieren um sie ein paar Stunden später wieder zu entlassen, und dann ging
der ganze Firlefanz von vorne los. Mir taten nur die beiden Töchter leid, die
das ganze Elend in ihrer Zukunft wer weiß wie zu verarbeiten hatten.
Inzwischen wurde es wieder ruhiger. Ich hatte noch zwei Stunden Schlaf vor mir
und gedachte die auch zu nutzen. Aber wenn man einmal wach ist, ist das leichter
gesagt als getan. Nach eineinhalb Stunden hin und her wälzen schlief ich
schließlich ein und wachte pünktlich um acht wieder auf. Alles war wie immer.
Ich war keine zwei Millimeter groß und im Haus war es ruhig. Was für ein
verrückter Traum. Nach der Morgentoilette und einem Kaffee fuhr ich mit meinem
Kleinwagen in mein Hausmeisterbüro. Dort erwartete mich bereits mein Chef. Er
war in keiner guten Stimmung. Noch bevor ich ihn mit Freundlichkeit erdrücken
konnte keifte er mich an. „Ihr Arbeitstag beginnt um 6 nicht um 9 Uhr 43! Ist
daran irgendetwas unklar?“
„Nein Herr Meier.“
„Und wie kommt es, dass Sie dennoch permanent zu spät kommen?“
„Chronischer Schlafmangel, Herr Meier.“ Meier schluckte, bevor er aussprechen
konnte was ihm offensichtlich unter den Nägeln brannte. „Wenn Sie nicht so gut
wären, und wenn es mehr fähige Bewerber für Ihren Job gäbe, hätte ich Sie längst
entlassen! Und wo ist eigentlich Klawitter?“
Verdammt, dachte ich. Normalerweise war mein Assistent ein Muster an
Beständigkeit um meine Schlafgewohnheiten zu erklären. „Keine Ahnung, Chef. Ich
werde ihn sofort anrufen.“
„Tun Sie das! Was für ein Saustall!“ Seine Hand rauschte durch meinen
unaufgeräumten Akten- und Formblätterberg auf dem Schreibtisch wie ein Tornado.
Tut tut tut tut „Klawitter!“
„Ich bins, dein Chef, wo bleibst du?“
„Mein Chef? Ab heute kannst du mich mal! Such dir einen neuen Idioten, ich bin
raus, hahahahaha!“ tutututut
Viel Zeit angesichts dieser Ansage blieb mir nicht. „Er hat gerade gekündigt,
Chef.“
„Verdammter Hurensohn!“, erwiderte Meier gefasst und fuhr fort. „Wird nicht
leicht Ersatz zu finden. Seien Sie in Zukunft pünktlich. Für Klawitters Ausfall
erhalten Sie drei Prozent mehr Lohn bis Ersatz da ist.“ Noch bevor Meier das
Büro verlassen konnte wucherte in mir ein Gedanke der unbedingt raus musste. „Da
fehlen noch 97 Prozent, wenn ich die Arbeit für zwei erledigen soll!“ Meier
drehte sich um. Sein kaltes Mondgesicht musterte mich von oben bis unten. „Sie
kriegen sieben Prozent mehr oder Arbeitslosengeld. Und ab morgen sind Sie
gefälligst pünktlich auf der Arbeit! Verstanden?“
Mein Widerstand war gebrochen. Vielleicht lag es auch an diesem verrückten
Traum. „Verstanden bei zehn Prozent.“, hörte ich meinen rebellischen Geist Worte
formen die mir jedoch nicht von der Zunge glitten und stattdessen „Ja“ sagten.
Meier nickte zufrieden. „Und lesen Sie Ihre E- Mails! Auch so ein Schwachpunkt
von Ihnen!“, sagte er im gehen und ließ mich allein. Kaum war er raus schnappte
ich mir mein Telefon und rief Klawitter an.
„Was willst du!“
„Sag mal bist du vollkommen irre geworden?“
Klawitter atmete schwer am anderen Ende der Leitung. „Das gleiche könnte ich
auch über dich sagen.“, antwortete er leise. „Was meinst du damit?“
„Du hast keinen blassen Schimmer mehr darüber wo du bist und was du bist,
oder?“
„Was ist das denn für eine bescheuerte Frage!“ Ein scheußliches Lachen drang aus
dem Hörer. Es vermischte sich mit der Dystopie meines Traums der mir plötzlich
immer realer vorkam.
„Es ist als würdest du im Sommer versuchen Schlittschuh zu fahren, oder?.“,
erwiderte Klawitter, und ich wusste in diesem Augenblick, dass er lächelte als
er das sagte.
..
.
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Verfasst am : 07.02.2026 00:56
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Pragmatischer Wahnsinn
Es waren also tatsächlich zehn Jahre vergangen,
so wie Boris gesagt hatte. Und es gab noch mehr Zwei Millimeter Menschen. Immer
mehr kam mir diese Welt wie eine Simulation vor in der ich das Privileg hatte
zumindest Zeuge zu sein.
Wenn das nichts ist, was dann?
Zeit nachzubohren.
„Und! Haste auch ne Antwort?“ Meier dachte länger nach.
„Manche sagen es war ein Virus. Andere behaupten, es wäre ein Medikament um das
Virus zu bekämpfen. Wieder andere sagten, es wären Außerirdische gewesen, und
noch vieles andere. Fakt ist, das vor zehn Jahren plötzlich die Hälfte der
Bevölkerung verschwunden ist...“
Meier hielt inne. Ich auch. Wenn auch nur kurz.
„Wir haben also einen Thanos- Effekt?“
Meier winkte ab. „Es ist noch viel schlimmer. Wir haben euch auf der Suche nach
euch massenhaft zertreten. Wir haben euch teilweise mit Kakerlaken verwechselt,
besonders die mit den langen Mänteln.“, sagte er mit zielführendem Bedauern.
„Ich habe meine eigene Mutter zertreten, und da war sie sogar noch zwei
Zentimeter groß.“, fügte er bitter hinzu.
Scheiße, dachte ich. Wenn das wahr ist... weiter kam ich mit meinem Gedanken
nicht.
„Isses wahr?“, entfuhr es mir abfällig.
Man sollte in Situationen körperlicher Unterlegenheit nie von oben herab
voreilige Schlüsse ziehen. Meiers Mondgesicht formierte sich zu einem todernsten
Blutmond. Er musste auch gar nichts sagen. Das Zischen aus seinen Mundwinkeln,
der Geifer der sich aus ihnen in Richtung Streichholzschachtel ergoss und der
näher kommende Zeigefinger waren hilfreich genug, um den Ernst der Lage zu
erkennen.
„BITTEBITTEBITTE, WAR NICHT SO GEMEINT, ABER BITTEBITTE VERSCHONEN SIE UNS!“
Ich schloss die Augen und hielt die Arme vors Gesicht. Bruno stellte sich
drohend zwischen uns. Sein Gewicht zerdrückte mir fast den Schädel. War er
gerade gewachsen? Noch bevor ich darüber nachdenken konnte verfiel Meier in ein
widerliches Lachen.
„VERARSCHT!“, brüllte er in die Schachtel und sabberte weiter auf uns herab. Ich
entschloss mich es zu ertragen und dann sah ich Bruno. Er war einen ganzen
Millimeter gewachsen und ging mir plötzlich bis zu den Schultern.
Meier wandte sich ab und fuhr weiter. Ihm schien die Art unserer Unterhaltung
langweilig geworden zu sein. Ich wagte einen letzten Versuch, denn ich hatte so
eine Ahnung, dass er uns lebend brauchte.
„Darf ich was fragen?“
„Frag.“, entgegnete der Meiermond kühl.
„Wo bringst du uns hin?“
„Nach New Berlin, in deine Stadt, da wo ihr Zwei Millimeter Menschen eure Heimat
habt.“
„Wo wir... Wie viele sind wir?“
„Hör auf Fragen zu stellen. Du wirst es sehen und darin leben, und wenn nicht
werden wir dich regulieren.“
„Mich regulieren?“ Da war er wieder, dieser Psychoblick in Meiers Gesicht.
„Auf deinen Köter musst du allerdings verzichten. Der kommt in das
Spezialhundecamp um deinesgleichen besser aufspüren zu können.“, fügte er mit
der Freude eines ambitionierten Sadisten süffisant hinzu. Bruno jaulte. Ich
hielt ihn so fest ich konnte und versuchte meine Panik zu verbergen, was
wirklich albern aussah. Fast hätte ich noch: „Er gehört zu mir!“, von Marianne
Rosenberg angestimmt. Auf was man so für Ideen kommt, wenn nackte Panik einen
eigentlich in den Wahnsinn treiben sollte. Oder war das schon die erste Stufe
des Wahnsinns? Es war zum wahnsinnig werden. Zum Glück haben Wahnsinn und
Pragmatik manchmal gewisse Schnittstellen. Ich wollte weder Bruno verlieren,
noch nach New Berlin ziehen.
Wir mussten aus der Streichholzschachtel raus.
Und das so schnell wie möglich.
Bruno musste einfach nur schneller wachsen.
Vorausschau.
Natürlich kam es vollkommen anders. Der Wagen
wurde angehalten. Die Polizei nahm Meier fest, und Bruno, ich und die
Streichholzschachtel wurden achtsam in Gewahrsam genommen. "Wir bringen
euch zurück nach New Berlin. Da seid ihr in Sicherheit", sagte einer der
Beamten.
Angaben der Vorausschau, ohne Gewähr.
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Verfasst am : 28.11.2025 22:55
Kommentare: 6
Blutbad
Meier seufzte ebenfalls. „Weißte, Klawitter, du
bist irgendwann einfach nur stehen geblieben, während die um dich herum alle
gewachsen sind. Gib mir die Streichholzschachtel und bring Kloppi nicht dazu auf
dich abdrücken zu müssen. Dann steigst du aus und lässt uns unserer Wege fahren,
Deal?“ Jürgen Klawitter sah die von Kloppi auf sich gerichtete Waffe. „Du also
auch.“, stellte er mit nüchterner Enttäuschung fest. Kloppi spuckte auf seine
Hose und zischte. „Obrigkeitstreue Staatsnutte!“
Jürgen stieg geschlagen aus dem Wagen.
Unsere Entführer hielten das unangenehme Schweigen nach Klawitters unsanften
Rauswurf nicht lange durch.
„Das war mehr als Oberscheiße!“, schimpfte Kloppi und schlug sich mehrmals mit
der Faust gegen die Stirn, was ich nur hörte aber nicht sah, weil ich ja mit
Bruno in der Streichholzschachtel saß. Meiner Vermutung nach hatte er deswegen
auch diesen Spitznamen. Meier fuhr stur weiter und schwieg. Kloppi brachte das
fast zur Weißglut, was ich an seiner erhöhten Atmung heraus zu hören glaubte.
„Sach mal, hörste mir überhaupt zu?“
Die Reifen quietschten. Der Wagen kam schleudernd zum stehen. Bruno und ich
wurden unsanft durch unsere eigene Kotze geschleudert.
„Hast du ihm sein Handy abgenommen?“ Meiers Stimme klang wie das Ornament einer
voreingenommenen Anklage.
„Äh...“
„IDIOT!“, schrie Meier und schlug auf das Lenkrad.
„Was ist daran so schlimm, dann telefoniert er eben! Er weiß doch gar nicht wo
wir hin wollen!“, verteidigte sich Kloppi. „Bist du so blöd, oder...“ Meier
hielt inne. Kloppi zischte vor sich hin. „Er hat unser letztes Gespräch
aufgezeichnet.“
„BINGO, KLOPPI, und dank dir sind wir jetzt komplett am Arsch!“
„Fahr zurück und bring ihn um!“
Meier startete den Motor und fuhr weiter. „Manchmal frage ich mich wie du es in
den Polizeidienst geschafft hast, Kloppi. Ich hab mir doch wirklich alle Mühe
gegeben.“, sagte Meier gefährlich leise. Plötzlich fiel ein Schuss. Bruno
schreckte auf. Blut floss in die Streichholzschachtel. „Scheiße!“, schimpfte
Meier, hielt den Wagen an und öffnete die Schachtel. Zum ersten mal sahen wir
uns in die Augen. Bruno begann sofort zu bellen und zu knurren. Meier hatte das
Gesicht eines schlecht gelaunten Mondes der auf die Erde zuraste um ihr den
Garaus zu machen. „Können sie mich hören?“, begann ich mit einer vorsichtigen
Frage den Dialog mit einem Mörder im Polizeigewand. Das Lachen das mir entgegen
kam klang wie ein emotionales Erdbeben. Es kam mir echt vor ohne wirklich echt
zu sein. Vielmehr verbittert und damit doch wieder echt. „Du kleiner Scheißer,
natürlich höre ich dich. Gibt es noch mehr wie dich in dem Haus, in dem wir dich
gefunden haben?“
Ich dachte an Boris, seine Frau, ihre Kinder und ihr Dorf. Was war ich doch für
ein edler Mensch. Ich spürte den aufkeimenden Gallennachschub bereits auf der
Zunge.
„Nein.“, erbrach sich das Gute aus mir, mit etwas zu viel Enthusiasmus und einem
Schuss Galle.
Meiers Mondgesicht kam misstrauisch näher. Bruno stellte das Knurren ein und kam
fiepend auf mich zu. Dankbar schloss ich ihn in meine Arme und streichelte ihm
den Kopf. „Wir könnten sie retten.“, sagte Meier wesentlich freundlicher, doch
ich war nicht überzeugt. Dieser Kerl hatte grade seinen Freund erschossen, in
dessen Blut Bruno und ich jetzt baden durften, was ihn in meiner Wahrnehmung nur
umso gefährlicher machte. Ich musste subtil vorgehen.
„Es gab ein Dorf“, begann ich zögernd. Meier biss an. „Deine Kunstpause kannst
du dir sparen, komm zum Punkt.“
„Es wurde ausgelöscht von schwarzen Wegeameisen.“
Meier konsultierte seinen Laptop und googelte schwarze Wegeameisen. „Du hast
recht, die Viecher leben tatsächlich praktisch überall. Und die haben dein
Dorf...?“
Es war Zeit für eine Intervention. „Jetzt hab ich mal ein paar Fragen!“ Meier
zuckte überrascht zurück. „Okay.“
„WARUM BIN ICH ZWEI MILLIMETER GROSS UND DU FAST ZWEI METER?“
Meier sah mich mit großen Augen an. „Du bist der erste Kleine der nach zehn
Jahren danach fragt.“
Es waren also tatsächlich zehn Jahre vergangen, so wie Boris gesagt hatte. Und
es gab noch mehr Zwei Millimeter Menschen. Immer mehr kam mir diese Welt wie
eine Simulation vor in der ich das Privileg hatte zumindest Zeuge zu sein.
Wenn das nichts ist, was dann?
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Verfasst am : 22.11.2025 03:08
Kommentare: 9
Streichholzschachtel
Und so spannend das auch zu beobachten war, so
war die Zebraspringspinne, die nur zehn Zentimeter entfernt ihre Jagd auf uns
vorbereitete, um einiges spannender.
Springspinnen sind die intelligentesten Spinnen der Welt. Ihre Königin heißt
Portia. Ihr Gehirn ist kaum größer als ein Sandkorn. Würde ein Mensch sein
Gehirn wie eine Portia nutzen, wer weiß wo wir jetzt stünden. Zebraspringspinnen
sind ähnlich schlau.
Die uns auflauerte hatte ihre acht Augen praktisch überall, und so konnten
Brunos und meine Augen noch nicht sehen was sie schon lange vorher sah, als sie
sich vorsichtig aber bestimmt zurückzog. Aus irgendeinem mir unerfindlichen
Grund begann ich zu winken.
Plötzlich wurde es dunkel. Es dauerte eine Weile, ehe ich realisierte, dass wir
uns in einer leeren Streichholzschachtel befanden, die vermutlich von Jürgen
getragen wurde. Er schien von den dreien der vernünftigste. Doch so sehr er sich
auch mühte gleichmäßig und ruhig zu gehen, während er uns vermutlich in seiner
Hand trug, es fühlte sich für mich an, als wäre ich auf einem Schiff dem
Rhythmus riesiger Wellen ausgeliefert. Ich wurde seekrank. Wie oft hatte ich
diese Krankheit in meiner Vergangenheit als Blödsinn abgetan, und jetzt? Ich
brauchte weder Schiff noch Ozean um seekrank zu werden. Ich hatte ohne Sinn und
Nutzen den namentlichen Wahrheitsgehalt einer Krankheit widerlegt, die ich
praktisch, wenn auch unfreiwillig, selbst in einer Streichholzschachtel erlebte.
Nach diesen glorreichen Gedanken kotzte ich mit noch mehr Enthusiasmus in die
Schachtel. Bruno wandte sich knurrend von mir ab, bis auch er zu brechen begann.
Jeder von uns hatte seine Ecke, und es war nur noch eine Frage der Zeit, wie
viel diese Ecken ertragen konnten. Ein grausamer Gedanke an die Zukunft
beschlich mich. Würde ich Bruno essen können?
Und schon schmiedete ich Pläne. Als erstes würde ich Bruno unter Vorspiegelung
falscher Tatsachen freundlich zu mir bitten. Danach würde ich ihn einfach in den
Schwitzkasten nehmen und langsam erwürgen. Und dann?
Mist, ich sitze in einer Streichholzschachtel ohne Streichhölzer, und selbst mit
einem Streichholz, käme ich nicht an die äußere Reibefläche, und selbst wenn,
würde ich eher die Pappe abfackeln und mich selbst verbrennen, lange bevor aus
Bruno ein angemessenes Steak geworden wäre. Bruno essen war erst mal auf Eis
gelegt. Kaum hatte ich das zu Ende gedacht legte Bruno zufrieden den Kopf auf
seine Vorderpfoten nieder. Der Seegang hatte inzwischen nachgelassen, und ich
hörte einen leisen Elektromotor. Ich saß in einem E-Auto und wurde vermutlich in
eine Art Forschungseinrichtung gefahren, oder in einen modernen Flohzirkus, oder
am schlimmsten, in eine Arena, in der wir gegen Insekten kämpfen mussten. Das
allein hing von Tatsachen ab, die ich noch nicht kannte. Wie viele Zwei
Millimeter Menschen gab es noch, wie viele waren normal groß geblieben, und was
zum Geier hatte dazu geführt? Zum Glück sind erfolgreiche Kidnapper auch ein
plappernd Völkchen. Sie können sich gar nicht genug an ihren eigenen Stimmen
erfreuen.
„Sicher, dass wir sie im RKI abgeben?“ Es klang wie eine harmlose Frage, doch
Jürgen kannte Meier.
„Willst du mir drohen?“
„Ich stell doch nur eine harmlose Frage, Jürgen. Kein Grund für Paranoia.“,
beschwichtigte Meier. Kloppi blieb überraschend still. Plötzlich zog Jürgen
seine Waffe und zielte auf Meiers Kopf. „Halt den Wagen an und steig aus!“
„Bist du irre? Jürgen, ick bins, dein alter Kollege Meier, dessen Vornamen du
bis heute nich kennst, weil de immer nur rufen musst: Meier, kommste, und Meier
kommt, und det seit vierzehn Jahren.“
Jürgen seufzte.
„Ja, du warst ein treuer Trottel, aber seit du dich anscheinend dafür
entschieden hast deine durch mich gewonnene, erfahrungsbasierte Intelligenz für
kriminelle Machenschaften auszunutzen, befinden wir uns in einem
Gewissenskonflikt.“
Meier seufzte ebenfalls. „Weißte, Klawitter, du bist irgendwann einfach nur
stehen geblieben, während die um dich herum alle gewachsen sind. Gib mir die
Streichholzschachtel und bring Kloppi nicht dazu auf dich abdrücken zu müssen.
Dann steigst du aus und lässt uns unserer Wege fahren, Deal?“ Jürgen Klawitter
sah die von Kloppi auf sich gerichtete Waffe. „Du also auch.“, stellte er mit
nüchterner Enttäuschung fest. Kloppi spuckte auf seine Hose und zischte.
„Obrigkeitstreue Staatsnutte!“
Jürgen stieg geschlagen aus dem Wagen.
VAFSH
zum Artikel
Verfasst am : 09.11.2025 22:40
Kommentare: 5