32.101x gelesen 110x abonniert Ausgabe 20/26 17.05.2026 IdioLoLcrazy Jetzt registrieren

Schlittschuhfahren im Sommer

Natürlich kam es vollkommen anders. Der Wagen wurde angehalten. Die Polizei nahm Meier fest, und Bruno, ich und die Streichholzschachtel wurden achtsam in Gewahrsam genommen. „Wir bringen euch zurück nach New Berlin. Da seid ihr in Sicherheit.“, sagte einer der Beamten.

Das Erwachen aus einem Alptraum ist wie Schlittschuhfahren im Sommer. In diesem Fall waren es meine Nachbarn. Es herrschte wie üblich Stress und polterte so laut, dass man es im ganzen Haus hören musste. Der Wecker neben meinem Bett zeigte die Uhrzeit an. Es war 5 Uhr 42. Irgendwer hatte schon die Bullen gerufen, doch das Geschrei und Gepolter wurde dadurch nicht leiser. Jedenfalls war mit nochmal einschlafen Sense. Die Neugier trieb mich aus dem Bett. Verschlafen näherte ich mich meiner Wohnungstür und linste durch den Spion.
„Halten Sie Ihren Hund zurück!“, rief einer der Beamten. „Bruno, sitz!“, befahl mein Nachbar. Bruno gehorchte und mir wurde augenblicklich schlecht. Ich torkelte zurück in mein Wohnzimmer und sah aus dem Fenster das Blaulicht. Ein Krankenwagen war auch dabei. Wie üblich würden sie die Dame des Hauses darin einquartieren um sie ein paar Stunden später wieder zu entlassen, und dann ging der ganze Firlefanz von vorne los. Mir taten nur die beiden Töchter leid, die das ganze Elend in ihrer Zukunft wer weiß wie zu verarbeiten hatten.
Inzwischen wurde es wieder ruhiger. Ich hatte noch zwei Stunden Schlaf vor mir und gedachte die auch zu nutzen. Aber wenn man einmal wach ist, ist das leichter gesagt als getan. Nach eineinhalb Stunden hin und her wälzen schlief ich schließlich ein und wachte pünktlich um acht wieder auf. Alles war wie immer. Ich war keine zwei Millimeter groß und im Haus war es ruhig. Was für ein verrückter Traum. Nach der Morgentoilette und einem Kaffee fuhr ich mit meinem Kleinwagen in mein Hausmeisterbüro. Dort erwartete mich bereits mein Chef. Er war in keiner guten Stimmung. Noch bevor ich ihn mit Freundlichkeit erdrücken konnte keifte er mich an. „Ihr Arbeitstag beginnt um 6 nicht um 9 Uhr 43! Ist daran irgendetwas unklar?“
„Nein Herr Meier.“
„Und wie kommt es, dass Sie dennoch permanent zu spät kommen?“
„Chronischer Schlafmangel, Herr Meier.“ Meier schluckte, bevor er aussprechen konnte was ihm offensichtlich unter den Nägeln brannte. „Wenn Sie nicht so gut wären, und wenn es mehr fähige Bewerber für Ihren Job gäbe, hätte ich Sie längst entlassen! Und wo ist eigentlich Klawitter?“
Verdammt, dachte ich. Normalerweise war mein Assistent ein Muster an Beständigkeit um meine Schlafgewohnheiten zu erklären. „Keine Ahnung, Chef. Ich werde ihn sofort anrufen.“
„Tun Sie das! Was für ein Saustall!“ Seine Hand rauschte durch meinen unaufgeräumten Akten- und Formblätterberg auf dem Schreibtisch wie ein Tornado.
Tut tut tut tut „Klawitter!“
„Ich bins, dein Chef, wo bleibst du?“
„Mein Chef? Ab heute kannst du mich mal! Such dir einen neuen Idioten, ich bin raus, hahahahaha!“ tutututut
Viel Zeit angesichts dieser Ansage blieb mir nicht. „Er hat gerade gekündigt, Chef.“
„Verdammter Hurensohn!“, erwiderte Meier gefasst und fuhr fort. „Wird nicht leicht Ersatz zu finden. Seien Sie in Zukunft pünktlich. Für Klawitters Ausfall erhalten Sie drei Prozent mehr Lohn bis Ersatz da ist.“ Noch bevor Meier das Büro verlassen konnte wucherte in mir ein Gedanke der unbedingt raus musste. „Da fehlen noch 97 Prozent, wenn ich die Arbeit für zwei erledigen soll!“ Meier drehte sich um. Sein kaltes Mondgesicht musterte mich von oben bis unten. „Sie kriegen sieben Prozent mehr oder Arbeitslosengeld. Und ab morgen sind Sie gefälligst pünktlich auf der Arbeit! Verstanden?“
Mein Widerstand war gebrochen. Vielleicht lag es auch an diesem verrückten Traum. „Verstanden bei zehn Prozent.“, hörte ich meinen rebellischen Geist Worte formen die mir jedoch nicht von der Zunge glitten und stattdessen „Ja“ sagten. Meier nickte zufrieden. „Und lesen Sie Ihre E- Mails! Auch so ein Schwachpunkt von Ihnen!“, sagte er im gehen und ließ mich allein. Kaum war er raus schnappte ich mir mein Telefon und rief Klawitter an.
„Was willst du!“
„Sag mal bist du vollkommen irre geworden?“
Klawitter atmete schwer am anderen Ende der Leitung. „Das gleiche könnte ich auch über dich sagen.“, antwortete er leise. „Was meinst du damit?“
„Du hast keinen blassen Schimmer mehr darüber wo du bist und was du bist, oder?“
„Was ist das denn für eine bescheuerte Frage!“ Ein scheußliches Lachen drang aus dem Hörer. Es vermischte sich mit der Dystopie meines Traums der mir plötzlich immer realer vorkam.
„Es ist als würdest du im Sommer versuchen Schlittschuh zu fahren, oder?.“, erwiderte Klawitter, und ich wusste in diesem Augenblick, dass er lächelte als er das sagte.

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Pragmatischer Wahnsinn

Es waren also tatsächlich zehn Jahre vergangen, so wie Boris gesagt hatte. Und es gab noch mehr Zwei Millimeter Menschen. Immer mehr kam mir diese Welt wie eine Simulation vor in der ich das Privileg hatte zumindest Zeuge zu sein.
Wenn das nichts ist, was dann?


Zeit nachzubohren.
„Und! Haste auch ne Antwort?“ Meier dachte länger nach.
„Manche sagen es war ein Virus. Andere behaupten, es wäre ein Medikament um das Virus zu bekämpfen. Wieder andere sagten, es wären Außerirdische gewesen, und noch vieles andere. Fakt ist, das vor zehn Jahren plötzlich die Hälfte der Bevölkerung verschwunden ist...“
Meier hielt inne. Ich auch. Wenn auch nur kurz.
„Wir haben also einen Thanos- Effekt?“
Meier winkte ab. „Es ist noch viel schlimmer. Wir haben euch auf der Suche nach euch massenhaft zertreten. Wir haben euch teilweise mit Kakerlaken verwechselt, besonders die mit den langen Mänteln.“, sagte er mit zielführendem Bedauern. „Ich habe meine eigene Mutter zertreten, und da war sie sogar noch zwei Zentimeter groß.“, fügte er bitter hinzu.
Scheiße, dachte ich. Wenn das wahr ist... weiter kam ich mit meinem Gedanken nicht.
„Isses wahr?“, entfuhr es mir abfällig.
Man sollte in Situationen körperlicher Unterlegenheit nie von oben herab voreilige Schlüsse ziehen. Meiers Mondgesicht formierte sich zu einem todernsten Blutmond. Er musste auch gar nichts sagen. Das Zischen aus seinen Mundwinkeln, der Geifer der sich aus ihnen in Richtung Streichholzschachtel ergoss und der näher kommende Zeigefinger waren hilfreich genug, um den Ernst der Lage zu erkennen.
„BITTEBITTEBITTE, WAR NICHT SO GEMEINT, ABER BITTEBITTE VERSCHONEN SIE UNS!“
Ich schloss die Augen und hielt die Arme vors Gesicht. Bruno stellte sich drohend zwischen uns. Sein Gewicht zerdrückte mir fast den Schädel. War er gerade gewachsen? Noch bevor ich darüber nachdenken konnte verfiel Meier in ein widerliches Lachen.
„VERARSCHT!“, brüllte er in die Schachtel und sabberte weiter auf uns herab. Ich entschloss mich es zu ertragen und dann sah ich Bruno. Er war einen ganzen Millimeter gewachsen und ging mir plötzlich bis zu den Schultern.
Meier wandte sich ab und fuhr weiter. Ihm schien die Art unserer Unterhaltung langweilig geworden zu sein. Ich wagte einen letzten Versuch, denn ich hatte so eine Ahnung, dass er uns lebend brauchte.
„Darf ich was fragen?“
„Frag.“, entgegnete der Meiermond kühl.
„Wo bringst du uns hin?“
„Nach New Berlin, in deine Stadt, da wo ihr Zwei Millimeter Menschen eure Heimat habt.“
„Wo wir... Wie viele sind wir?“
„Hör auf Fragen zu stellen. Du wirst es sehen und darin leben, und wenn nicht werden wir dich regulieren.“
„Mich regulieren?“ Da war er wieder, dieser Psychoblick in Meiers Gesicht.
„Auf deinen Köter musst du allerdings verzichten. Der kommt in das Spezialhundecamp um deinesgleichen besser aufspüren zu können.“, fügte er mit der Freude eines ambitionierten Sadisten süffisant hinzu. Bruno jaulte. Ich hielt ihn so fest ich konnte und versuchte meine Panik zu verbergen, was wirklich albern aussah. Fast hätte ich noch: „Er gehört zu mir!“, von Marianne Rosenberg angestimmt. Auf was man so für Ideen kommt, wenn nackte Panik einen eigentlich in den Wahnsinn treiben sollte. Oder war das schon die erste Stufe des Wahnsinns? Es war zum wahnsinnig werden. Zum Glück haben Wahnsinn und Pragmatik manchmal gewisse Schnittstellen. Ich wollte weder Bruno verlieren, noch nach New Berlin ziehen.
Wir mussten aus der Streichholzschachtel raus.
Und das so schnell wie möglich.
Bruno musste einfach nur schneller wachsen.

Vorausschau.

Natürlich kam es vollkommen anders. Der Wagen wurde angehalten. Die Polizei nahm Meier fest, und Bruno, ich und die Streichholzschachtel wurden achtsam in Gewahrsam genommen. "Wir bringen euch zurück nach New Berlin. Da seid ihr in Sicherheit", sagte einer der Beamten.



Angaben der Vorausschau, ohne Gewähr.


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Blutbad

Meier seufzte ebenfalls. „Weißte, Klawitter, du bist irgendwann einfach nur stehen geblieben, während die um dich herum alle gewachsen sind. Gib mir die Streichholzschachtel und bring Kloppi nicht dazu auf dich abdrücken zu müssen. Dann steigst du aus und lässt uns unserer Wege fahren, Deal?“ Jürgen Klawitter sah die von Kloppi auf sich gerichtete Waffe. „Du also auch.“, stellte er mit nüchterner Enttäuschung fest. Kloppi spuckte auf seine Hose und zischte. „Obrigkeitstreue Staatsnutte!“
Jürgen stieg geschlagen aus dem Wagen.


Unsere Entführer hielten das unangenehme Schweigen nach Klawitters unsanften Rauswurf nicht lange durch.
„Das war mehr als Oberscheiße!“, schimpfte Kloppi und schlug sich mehrmals mit der Faust gegen die Stirn, was ich nur hörte aber nicht sah, weil ich ja mit Bruno in der Streichholzschachtel saß. Meiner Vermutung nach hatte er deswegen auch diesen Spitznamen. Meier fuhr stur weiter und schwieg. Kloppi brachte das fast zur Weißglut, was ich an seiner erhöhten Atmung heraus zu hören glaubte. „Sach mal, hörste mir überhaupt zu?“
Die Reifen quietschten. Der Wagen kam schleudernd zum stehen. Bruno und ich wurden unsanft durch unsere eigene Kotze geschleudert.
„Hast du ihm sein Handy abgenommen?“ Meiers Stimme klang wie das Ornament einer voreingenommenen Anklage.
„Äh...“
„IDIOT!“, schrie Meier und schlug auf das Lenkrad.
„Was ist daran so schlimm, dann telefoniert er eben! Er weiß doch gar nicht wo wir hin wollen!“, verteidigte sich Kloppi. „Bist du so blöd, oder...“ Meier hielt inne. Kloppi zischte vor sich hin. „Er hat unser letztes Gespräch aufgezeichnet.“
„BINGO, KLOPPI, und dank dir sind wir jetzt komplett am Arsch!“
„Fahr zurück und bring ihn um!“
Meier startete den Motor und fuhr weiter. „Manchmal frage ich mich wie du es in den Polizeidienst geschafft hast, Kloppi. Ich hab mir doch wirklich alle Mühe gegeben.“, sagte Meier gefährlich leise. Plötzlich fiel ein Schuss. Bruno schreckte auf. Blut floss in die Streichholzschachtel. „Scheiße!“, schimpfte Meier, hielt den Wagen an und öffnete die Schachtel. Zum ersten mal sahen wir uns in die Augen. Bruno begann sofort zu bellen und zu knurren. Meier hatte das Gesicht eines schlecht gelaunten Mondes der auf die Erde zuraste um ihr den Garaus zu machen. „Können sie mich hören?“, begann ich mit einer vorsichtigen Frage den Dialog mit einem Mörder im Polizeigewand. Das Lachen das mir entgegen kam klang wie ein emotionales Erdbeben. Es kam mir echt vor ohne wirklich echt zu sein. Vielmehr verbittert und damit doch wieder echt. „Du kleiner Scheißer, natürlich höre ich dich. Gibt es noch mehr wie dich in dem Haus, in dem wir dich gefunden haben?“
Ich dachte an Boris, seine Frau, ihre Kinder und ihr Dorf. Was war ich doch für ein edler Mensch. Ich spürte den aufkeimenden Gallennachschub bereits auf der Zunge.
„Nein.“, erbrach sich das Gute aus mir, mit etwas zu viel Enthusiasmus und einem Schuss Galle.
Meiers Mondgesicht kam misstrauisch näher. Bruno stellte das Knurren ein und kam fiepend auf mich zu. Dankbar schloss ich ihn in meine Arme und streichelte ihm den Kopf. „Wir könnten sie retten.“, sagte Meier wesentlich freundlicher, doch ich war nicht überzeugt. Dieser Kerl hatte grade seinen Freund erschossen, in dessen Blut Bruno und ich jetzt baden durften, was ihn in meiner Wahrnehmung nur umso gefährlicher machte. Ich musste subtil vorgehen.
„Es gab ein Dorf“, begann ich zögernd. Meier biss an. „Deine Kunstpause kannst du dir sparen, komm zum Punkt.“
„Es wurde ausgelöscht von schwarzen Wegeameisen.“
Meier konsultierte seinen Laptop und googelte schwarze Wegeameisen. „Du hast recht, die Viecher leben tatsächlich praktisch überall. Und die haben dein Dorf...?“
Es war Zeit für eine Intervention. „Jetzt hab ich mal ein paar Fragen!“ Meier zuckte überrascht zurück. „Okay.“
„WARUM BIN ICH ZWEI MILLIMETER GROSS UND DU FAST ZWEI METER?“
Meier sah mich mit großen Augen an. „Du bist der erste Kleine der nach zehn Jahren danach fragt.“
Es waren also tatsächlich zehn Jahre vergangen, so wie Boris gesagt hatte. Und es gab noch mehr Zwei Millimeter Menschen. Immer mehr kam mir diese Welt wie eine Simulation vor in der ich das Privileg hatte zumindest Zeuge zu sein.
Wenn das nichts ist, was dann?


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Streichholzschachtel

Und so spannend das auch zu beobachten war, so war die Zebraspringspinne, die nur zehn Zentimeter entfernt ihre Jagd auf uns vorbereitete, um einiges spannender.

Springspinnen sind die intelligentesten Spinnen der Welt. Ihre Königin heißt Portia. Ihr Gehirn ist kaum größer als ein Sandkorn. Würde ein Mensch sein Gehirn wie eine Portia nutzen, wer weiß wo wir jetzt stünden. Zebraspringspinnen sind ähnlich schlau.
Die uns auflauerte hatte ihre acht Augen praktisch überall, und so konnten Brunos und meine Augen noch nicht sehen was sie schon lange vorher sah, als sie sich vorsichtig aber bestimmt zurückzog. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund begann ich zu winken.
Plötzlich wurde es dunkel. Es dauerte eine Weile, ehe ich realisierte, dass wir uns in einer leeren Streichholzschachtel befanden, die vermutlich von Jürgen getragen wurde. Er schien von den dreien der vernünftigste. Doch so sehr er sich auch mühte gleichmäßig und ruhig zu gehen, während er uns vermutlich in seiner Hand trug, es fühlte sich für mich an, als wäre ich auf einem Schiff dem Rhythmus riesiger Wellen ausgeliefert. Ich wurde seekrank. Wie oft hatte ich diese Krankheit in meiner Vergangenheit als Blödsinn abgetan, und jetzt? Ich brauchte weder Schiff noch Ozean um seekrank zu werden. Ich hatte ohne Sinn und Nutzen den namentlichen Wahrheitsgehalt einer Krankheit widerlegt, die ich praktisch, wenn auch unfreiwillig, selbst in einer Streichholzschachtel erlebte.
Nach diesen glorreichen Gedanken kotzte ich mit noch mehr Enthusiasmus in die Schachtel. Bruno wandte sich knurrend von mir ab, bis auch er zu brechen begann. Jeder von uns hatte seine Ecke, und es war nur noch eine Frage der Zeit, wie viel diese Ecken ertragen konnten. Ein grausamer Gedanke an die Zukunft beschlich mich. Würde ich Bruno essen können?
Und schon schmiedete ich Pläne. Als erstes würde ich Bruno unter Vorspiegelung falscher Tatsachen freundlich zu mir bitten. Danach würde ich ihn einfach in den Schwitzkasten nehmen und langsam erwürgen. Und dann?
Mist, ich sitze in einer Streichholzschachtel ohne Streichhölzer, und selbst mit einem Streichholz, käme ich nicht an die äußere Reibefläche, und selbst wenn, würde ich eher die Pappe abfackeln und mich selbst verbrennen, lange bevor aus Bruno ein angemessenes Steak geworden wäre. Bruno essen war erst mal auf Eis gelegt. Kaum hatte ich das zu Ende gedacht legte Bruno zufrieden den Kopf auf seine Vorderpfoten nieder. Der Seegang hatte inzwischen nachgelassen, und ich hörte einen leisen Elektromotor. Ich saß in einem E-Auto und wurde vermutlich in eine Art Forschungseinrichtung gefahren, oder in einen modernen Flohzirkus, oder am schlimmsten, in eine Arena, in der wir gegen Insekten kämpfen mussten. Das allein hing von Tatsachen ab, die ich noch nicht kannte. Wie viele Zwei Millimeter Menschen gab es noch, wie viele waren normal groß geblieben, und was zum Geier hatte dazu geführt? Zum Glück sind erfolgreiche Kidnapper auch ein plappernd Völkchen. Sie können sich gar nicht genug an ihren eigenen Stimmen erfreuen.

„Sicher, dass wir sie im RKI abgeben?“ Es klang wie eine harmlose Frage, doch Jürgen kannte Meier.
„Willst du mir drohen?“
„Ich stell doch nur eine harmlose Frage, Jürgen. Kein Grund für Paranoia.“, beschwichtigte Meier. Kloppi blieb überraschend still. Plötzlich zog Jürgen seine Waffe und zielte auf Meiers Kopf. „Halt den Wagen an und steig aus!“
„Bist du irre? Jürgen, ick bins, dein alter Kollege Meier, dessen Vornamen du bis heute nich kennst, weil de immer nur rufen musst: Meier, kommste, und Meier kommt, und det seit vierzehn Jahren.“
Jürgen seufzte.
„Ja, du warst ein treuer Trottel, aber seit du dich anscheinend dafür entschieden hast deine durch mich gewonnene, erfahrungsbasierte Intelligenz für kriminelle Machenschaften auszunutzen, befinden wir uns in einem Gewissenskonflikt.“
Meier seufzte ebenfalls. „Weißte, Klawitter, du bist irgendwann einfach nur stehen geblieben, während die um dich herum alle gewachsen sind. Gib mir die Streichholzschachtel und bring Kloppi nicht dazu auf dich abdrücken zu müssen. Dann steigst du aus und lässt uns unserer Wege fahren, Deal?“ Jürgen Klawitter sah die von Kloppi auf sich gerichtete Waffe. „Du also auch.“, stellte er mit nüchterner Enttäuschung fest. Kloppi spuckte auf seine Hose und zischte. „Obrigkeitstreue Staatsnutte!“
Jürgen stieg geschlagen aus dem Wagen.

VAFSH
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2 -3 -2

Und dann begaben wir uns in Richtung Treppenhaus. Ein Horizont jagte den nächsten bis wir im zweiten Stock ankamen. Eine Späherin der schwarzen Wegeameisen versperrte uns den Weg.
Endlich!


Plötzlich begann es unter uns zu beben. Das Treppengeländer vibrierte. Die Späherin der schwarzen Wegeameise wandte sich von uns ab und widmete sich dem neuen Feind. Bruno wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Es dauerte eine Weile, ehe ich verstand warum. Und dann sah ich ihn. Godzilla. Er musste es einfach sein. Und er hatte Stiefel an. Zumindest einen und zwar den, der jetzt direkt vor mir stand und die Ameise unter sich begrub.
Bruno begann Godzilla freudig und um Aufmerksamkeit bettelnd anzubellen. Und da fiel es mir wie Schuppen aus der Haut. Das war gar nicht Godzilla. Bruno war mal wieder schlauer als ich, denn mehr als ich respektierte er menschliche Autorität, besonders wenn sie so groß wie Godzilla war. Und sie hatte ihn erhört.

„Leute, ihr werdet nich glooben, wat ick grad jefunden habe!“
„Wat denn? ...Aua! Sach mal Kloppi hasse 'n Ei uffn Kopp? Nimm jefälligst dein Knie aus meim Arsch!“
„Is nich mein Knie!“, feixte Kloppi.
„Du bist so eine perverse Drecksau, Kloppi! ...Wat is denn nu da vorne los?“
„Dit kann ick euch nich sagen, det müssta selba sehn. Aber nich ruckeln, sonst rutsch ick aus und klatsch die am Ende tot.“
„Wen klatschte tot?... Kloppi hör uff ssu drängeln, ick bin als Ersta! ...Ach du heilige Scheiße, wat is dat denn?“
„Wink mal!“
„Ick soll winken?“
„Kloppi, willst du lieber winken?!“
„Kla...!“
Meier grätschte sofort dazwischen.
„Nee lass mal, ick wink schon. ...winkewinke... Scheiße... Jürgen... Sind die echt?“
„Du siehst schon, wat da vor dir steht und zurück winkt, oder? ...Kloppi, nimm dein Finger da wech, der eene is bissig!“, warnte Jürgen. Meier hatte mit Kloppi unterdessen ganz andere Probleme.
„Kloppi, ick hau dir eins in die Fresse, wenn du meim Arsch nochmal zu nahe kommst!“
„Nun hab dich mal nicht so etepetete. Stehste doch drauf!“, kam es flapsig zurück.
Verzweifelt wandte sich Meier an Jürgen. „Da! Da hörst det! Dit is Mobbing! Vor deiner Nase! Unta andam deswegen krieg ick keene Frau!“
Jürgen war kurz davor auszuflippen.

Und so spannend das auch zu beobachten war, so war die Zebraspringspinne die nur zehn Zentimeter entfernt ihre Jagd auf uns vorbereitete um einiges spannender...


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2 Millimeter- Arschloch

„Gibt es noch mehr von uns?“
„Du bist noch nicht sehr lange wach, oder?“
„Nein, vermutlich. Ich weiß lediglich, dass wir statt zwei Zentimeter, nur noch


Zwei Millimeter

groß sind.“
„Tu einfach so als wären wir gute Freunde. Niemand außer uns kennt die Wahrheit, geschweige Schwester Ratched.“
„Du kennst Schwe...?“
„Natürlich!“, zischte mein Nachbar streng und fuhr flüsternd fort. „Aber darüber sprechen wir später. Du hast sicher Fragen.“
„Ach Quatsch, warum sollte ich Fragen haben? Ist doch deine Sache, dass du deine Frauen glauben lässt sie wären zwei Zentimeter groß.“
„Pssst, nicht so laut! Und es ist meine Familie, nicht meine Frauen, Arschloch!“
Die Frauen taten wie üblich als hätten sie nichts gehört, und wir taten so, als würden wir das nicht bemerken.
„Na gut,“, kam ich ihm entgegen. „Was willst du mir zeigen? Und wie heißt du eigentlich?“ Er sah mich mit großen Augen Augen an, packte mich mit seinen kräftigen Händen bei den Schultern und drückte mich an sich. Sein Schweißgeruch stieg mir wie ein rostiger Nagel ins Hirn. Nur mühsam konnte ich mich von ihm befreien, und einen halbwegs klaren Gedanken fassen. „Alter, du stinkst!“, war der erste Gedanke den ich in meinem Delirium laut aussprach.
„Keine Sorge.“, beruhigte mich mein Nachbar. „Dass wirst du auch bald, so wie wir alle. Mein Name ist Boris... BRUNO, bei Fuß!“
Noch ehe ich mich umsehen konnte, sah ich wie Bruno mopsfidel an mir vorbeirannte und aufgeregt in Boris Arme sprang. Verdammtes Mistvieh! Ich hatte fast um ihn geweint, und dann so was.
Boris registrierte meinen wütenden Blick. „Es wird Zeit dich dem Rest der Gemeinde vorzustellen. Wir leben hier bereits seit zehn Jahren. Manche länger, manche erst seit kurzem, so wie der Rest meiner Familie. Bruno kennst du ja schon.“
So froh ich darüber war, dass Bruno am Leben war, im Augenblick konnte ich ihn nicht leiden. Er spürte das und wirkte dadurch noch drolliger, was er zeigte indem er mir mit großen Augen friedfertig zu grummelte. Nach dem Motto: „Ich habs doch nicht bös gemeint, und es war nur zu deinem besten.“ Wie konnte ich da widersprechen. Zögerlich bewegte ich meine Hand in Richtung seines Kopfes. Die selbe Hand, in die er vor einiger Zeit noch hinein gebissen hatte. Diesmal leckte er sie ab. Das war rührend und auch etwas eklig. Das Gefühl beschrieb in etwa mein Leben wie ich es vorher kannte und mir wurde klar.
Egal wie diese Matrix in meinen Kopf gelangen konnte und mich zwang darüber zu schreiben, sie war es wert weiter erforscht zu werden. Wenn auch nicht für jeden und schon gar nicht um jeden Preis.

Drei Wochen später

Nie hätte ich gedacht wie schnell mir menschliche Gesellschaft nach all den Vorkommnissen vor drei Wochen und darüber hinaus, auf die Nerven gehen könnte. Doch von vorn.
Boris hatte es geschafft beinahe alle Mieter unseres Hauses in meiner Wohnung unterzubringen, was vor allem daran lag, dass meine Wohnung etwas messihaftes hatte.
Kurzum: Sie hatten ein komplett sicheres Dorf aufgebaut, ernährten sich von Teppichkäferlaven, die scheinbar nie ausgingen, da selbst die Spinnen die Population nur geringfügig einschränkten und lebten ein fast normales Leben. Sechsundvierzig Menschen die es geschafft hatten eine Art pyramidable Zivilisation zu retten. Dank Oma Schmalunkes Dackelweibchen gab es selbst an der Brunofront seit Jahren gewisse Erfolge zu verzeichnen, auch wenn die Ergebnisse sich mit der Kampfkraft und Hingabe eines Bruno- Original nicht ansatzweise messen konnten. Bis zum siebten Jahr.
Oma Schmalunkes alter Dackel war mit 17 ein letztes mal schwanger, und was sie vor ihrem Ableben raus würgte war ein waschechter Wolf. Niemand im Dorf konnte sich das erklären, aber jeder war auf seine Art misstrauisch. Zurecht. Denn er war er von Anfang anders als Bruno.
Als er alt genug war, schlich er sich aus dem Haus und erkundete die Gegend. Schnell registrierte er, dass, sobald er sich einem anderen Zelt näherte, seine Geschwister anfingen feindselig zu kläffen. Selbst als er sein Gesicht als Bruder vor den schützenden Zäunen zeigte, hatten sie nichts als kläffende Verachtung für ihn übrig. Ein Wachmops nach dem anderen starb in einer einzigen Nacht. Die Bewohner waren außer sich. Gleichermaßen konnten sie nicht umhin stille Bewunderung, angesichts einer solchen Waffe, die man für die Jagd und die Verteidigung brauchte, zu empfinden. Einig war man sich letztlich darüber, dass man ihn zähmen müsste, um ihn zum Wohl der Gesellschaft entsprechend einsetzen zu können. Die Opposition bestand auf die Namensgebung, und so wurde Brunos Sohn im Namen der Demokratie fortan ,Arschloch' genannt.
Zum Glück gab es auch Kinder. Kinder die zunächst nicht wussten, was Arschlöcher sind, Kinder die nicht wussten dass wir Menschen eigentlich teilweise über zwei Meter groß werden konnten, und Kinder die nichts über Wölfe geschweige was von Ameisen wussten. Mein Versuch mich in eine solche Gesellschaft zu integrieren stieß immer mehr an seine Grenzen.
Selbst Boris Frauen hatten sich mit der zwei Millimeter Tatsache abgefunden.
Und Boris?
Er verwaltete das künftige Elend als würde er einen zukunftsträchtigen Garten pflegen, unabhängig von den Gefahren die draußen lauerten, und vermutlich schon bald tödliche Ansprüche erheben würden.

„Du findest kein besseres Dorf als unseres!“, versuchte Boris mich aufzuhalten. Wir waren nie besonders warm miteinander geworden.
„Die schwarzen Wegeameisen werden euch überrennen, wenn es soweit ist. Ich will Arschloch an meiner Seite!“
„Du bekommst Bruno!“, erwiderte Boris kühl. Wir reichten uns die Hände. Mit Bruno konnte ich gut und gerne leben. Und dann begaben wir uns in Richtung Treppenhaus. Ein Horizont jagte den nächsten bis wir im zweiten Stock ankamen. Eine Späherin der schwarzen Wegeameisen versperrte uns den Weg.
Endlich!



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