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Sherlock- in tiefer Verneigung Verfasst am : 15.04.2018 23:33

Der Garten Erde 1


14.04.2018

In tiefer Verneigung vor einem der seit meiner Kindheit mein Leben prägt, wage ich mich in der Gewissheit glorreichen Scheiterns an meinen persönlichen Lieblingshelden. Sir Arthur Conan Doyle möge mir verzeihen…


Sherlock Holmes
Im Bann der Zeit


April 2018

Vorwort.

Im April 2018 erschien eine Affäre auf der Bildfläche der Weltöffentlichkeit, die derart penetrant verbreitet wurde, dass sich einem der Verdacht einer sorgfältig geplanten Inszenierung aufdrängte. Und das ausgerechnet in England!
Der Geburtstätte des wohl größten Detektivs aller Zeiten, der nie gelebt hatte.

Sherlock Holmes


Also warum den selbst in Hollywood wieder auferstandenen Jesus der Kriminalistik nicht auch auf folgende Rechnung aufmerksam machen?

Ist ja schließlich nur eine Geschichte…


Skripalaffaire- mutmaßlich
+
Chemiewaffeneinsatz- mutmaßlich
=
Bombenangriff in Syrien



Bakerstreet 221b- Vormittag, etwa 10 Uhr

Bakerstreet 221b- Vormittag, etwa 10 Uhr

Sherlock raste durch sein Zimmer, als wäre eine Horde stechwütiger Wespen hinter ihm her. Für ein ungeübtes Auge hätten seine Bewegungsabläufe darauf schließen lassen können, dass er sich in einem Zustand heller Aufregung befand. Weit gefehlt! Sherlock war langweilig. Und diese Langeweile artete gewöhnlich in Hektik aus. Er wartete auf etwas, das seinen rebellischen Geist beruhigte. Die Nachrichten waren schließlich voll davon, und es war nur eine Frage der Zeit, wann jemand an seine Tür klopfen würde.
Sein Zimmer war eine Mischung aus Büro, Wohn-, und häufig auch Schlafzimmer. Und obwohl das offensichtliche Durcheinander auf den ersten Blick an einen gelinde gesagt, sehr unordentlichen Menschen erinnerte, erfüllte selbst der sich teilweise Zentimeter dick auftürmende Staub –zumindest in Sherlocks Augen- einen wichtigen Zweck. Staub war für ihn Zeit in messbaren Dimensionen.
Auf dem Boden lagen überall Zeitungen verteilt, weitere elementare Faktoren seiner Definition was den Begriff Zeit betraf.
Auf seinem Schreibtisch drängten sich um die zwanzig Aschenbecher, gefüllt mit Zigarettenasche. Nur ein geübtes Auge war allerdings in der Lage die Unterschiede zwischen den Aschesorten zu erkennen. Mittendrin standen drei Laptops, zu denen sich Sherlock bei der Unterbrechung seiner Laufwege, immer wieder hingezogen fühlte. Seine Reaktion blieb dabei immer die gleiche. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, fluchte laut, und weckte damit seinen alten Freund John Watson, der völlig übermüdet in seinem Sessel saß, und längst den Ehrgeiz verloren hatte seinem alten Freund zu folgen.
Mühselig las er ihm die neueste Fallanfrage vor.
„Da hätten wir das weltweite Bienensterb… chrchrchr“


Fünf Minuten später

Erneut klatschte Sherlocks Hand auf den Schreibtisch.
„Langweilig! Dafür sind die Pharmakonzerne und andere Idioten verantwortlich“, krähte der schlaksige Kerl scheinbar sofort dazwischen, noch bevor Watson ausreden konnte. „Sie haben mich ja nicht mal zu Ende lesen lassen!“
Ein mitleidiger Blick traf den Doktor. „Sie waren da in einer Art Fünf- Minuten Schlaf.“
„Unmöglich!“, protestierte Watson sofort.
„Sie haben geschna-archt.“, erwiderte Sherlock mit einem süffisanten Grinsen.
„Ich schnarche nie, und vor allem habe ich nicht geschlafen!“
„Ich habe es mit meinem Smartphone aufgezeichnet, wollen Sie es sehen?“
„Nein, äh ja!“

„chrchrchr…“

„Sehen Sie wie Ihre Nasenflügel beben? Und dann noch dieses Geräusch. Mary bat mich…“
„Hören Sie endlich auf damit, und lassen Sie Mary aus dem Spiel!“, erwiderte Watson verärgert. Manchmal hatte er den Eindruck, dass seine Frau sich besser mit seinem mit seinem besten Freund verstand, als mit ihm.
Holmes wandte sich dem Fenster zu, während Watson das Video zu Ende ansah.
„Ich wusste gar nicht, dass ich so laut schnarche!“, staunte er.
„Sie wissen so einiges nicht, aber manchmal ist Unwissenheit auch ein Segen.“, entgegnete Sherlock kühl, während er angespannt das Treiben auf der Straße beobachtete. „Das haben Sie aus einem Film!“, behauptete John schroff, ohne sich allerdings daran zu erinnern woher er selbst den Satz kannte.
„Matrix“, antwortete Sherlock ohne sich umzudrehen.
„Sie speisen mich mit einem Filmzitat ab?“
„Der Film war doch gut.“
John schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ja natürlich war der Film gut, …worauf wollte ich noch mal hinaus?“ Seit früh um fünf war er hier und wartete darauf das etwas passierte. Davor hatte er sich den Rest der Nacht mit einer Entbindung herumschlagen müssen die alles andere als einfach war, nur weil Sherlock... Ah ja, da war es wieder. Ein großer Fall. Vermutlich der Größte aller Zeiten.
„Ich brauche Sie, John.“, sagte Sherlock plötzlich aus heiterem Himmel. Nichts in seinem Gesicht, das sich endlich mal nicht dem Fenster zuwandte, hinterließ einen Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Gesagten.
„Aber warum tun Sie dann das Bienensterben so ab? Wäre es nicht wichtig gerade jetzt den Pharmakonzernen, und den anderen Idioten auf den Leim zu rücken?“
„Alles kleine Fische!“, winkte Sherlock ab und sah wieder aus dem Fenster. Alles kleine Fische, wiederholte John den Satz vor seinem geistigen Auge. Allmählich machte er sich Sorgen. Moriarty hatte eine Lücke in seinem Leben geöffnet die nicht mal die kleinen Fische von der Pharmaindustrie und andere Idioten in der Lage waren zu schließen.
„Seit Moriarty tot ist, gibt es nichts mehr, dass Sie interessiert. Es scheint vielmehr, dass Sie nur darauf warten, dass ein noch größerer Gegner auftaucht, der Sie dann womöglich an Ihre Grenzen bringt. Ich mache mir Sorgen, Sherlock.“
„Na endlich!“
„Wie bitte?“
„Verstecken Sie sich hinter dem Vorhang, John!“
„Warum sollte ich mich hinter dem Vorhang verstecken?“
„Tun Sie was ich sage, John, und zwar schnell!“
„Wehe es ist nicht wichtig!“, erwiderte Watson und verzog sich hinter den Vorhang. Währenddessen griff Sherlock nach seiner Violine und wartete auf das Klopfen an der Tür.
Knock knock
„Komm rein, Mycroft.“
Die Tür öffnete sich und Mycroft Holmes, Sonderbeauftragter des Geheimdienstes im Dienste der Königin betrat den Raum. „Dein Spiel ist einfach grauenhaft, Sherlock.“, sagte er, und setzte sich in den Sessel, auf dem bis eben noch der Doktor gesessen hatte. „Du bist nicht allein?“, stellte er mit einem Blick fest der am Vorhang haften bleibt.
„Natürlich bin ich allein. Was willst du?“
Mycroft tastete mit seinen Händen die Oberfläche des Sessels ab, während er weiterhin den verräterischen Vorhang betrachtete. „Ich könnte schwören, dass noch vor wenigen Augenblicken Doktor Watson auf diesem Sessel gesessen hat.“
„Wie kommst du denn auf diesen Blödsinn! John ist verheiratet, ich sehe ihn höchstens drei Mal im Jahr. Und wenn es dich beruhigt, Bruderherz. Ich habe bis vor wenigen Minuten auf dem Sessel gesessen.“
„Dann hast du mich also erwartet?“
„Natürlich habe ich das! Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass du so lange brauchst.“ Mycroft reagierte mit einem spöttischen Lächeln. „Ich gebe zu es sind gewisse Dinge in den Focus gerückt, die mich dazu nötigten dich einzuweihen. Aber solltest du mich hinsichtlich der Anwesenheit John Watsons belogen haben, schwöre ich dir, wird das Konsequenzen haben, die deine kühnsten Phantasien übersteigen.“
„Wenn du mir nicht glaubst, sieh doch einfach hinter den Vorhang.“
Eine Art Psychoduell, ausgetragen mit Blicken lag minutenlang in der Luft, während John Watson hinter dem Vorhang Todesängste ausstand. Am liebsten wäre er sofort hervorgeprescht um dem Spuk ein Ende zu bereiten, doch etwas in ihm mahnt zur Ruhe.
„Nein“, antwortete Mycroft schließlich.
„Es geht also um die Skripalaffäre und den mutmaßlichen syrischen Bombenangriff auf die eigene Bevölkerung. Welche Rolle soll ich dabei spielen?“
Ein leichtes Stöhnen entwich dem korpulenten Mycroft. „Wir stecken in Schwierigkeiten, Sherlock. Wir haben uns mit Skripal international verzockt, und beim Draufsetzen mit Syrien, schlägt uns aus der Bevölkerung ein eisiger Wind entgegen. Niemand will uns mehr glauben, dass die Russen schuld sind, aber um zu beweisen, dass sie schuld sind müssten wir Dinge veröffentlichen, die wiederum beweisen, dass wir mit dem Schlammassel angefangen haben.“
„Ich wusste gar nicht, dass ihr so unter Druck steht.“
„Deinen Sarkasmus kannst du dir sparen, Sherlock, hier stehen all unsere Werte auf dem Spiel!“
„Werte? Was denn für Werte? Etwa die, dass ich mir übers Internet lieber einen runterhole als mit einer Frau zusammen zu sein, weil dieses System mich zu einer Hure gemacht hat, der ich nur Dank meiner Intelligenz entfliehen kann? Du hast doch selbst gesagt, du fühlst dich wie von Goldfischen umgeben. Wie kann man mit derartiger Intelligenz ausgestattet einem System folgen, dass man selbst zutiefst verachtet?“
„Bequemlichkeit.“
„Wir beide sind so grundverschieden! Und jetzt verlangst du aus Bequemlichkeit von mir, Beweise gegen Russland zu finden um das internationale Ansehen des Empires in der Weltöffentlichkeit zu stärken?“ Mycroft musterte seinen Bruder einen kurzen Augenblick.
„Ich glaube es wird Zeit, dass ich den Platz räume, damit der gute John sich endlich wieder auf seinem Sessel niederlassen kann.“
„Du hast es gewusst?“
„Ich habe es in dem Augenblick gewusst, als du mich aufgefordert hast den Vorhang zu untersuchen. Bin schon gespannt darauf, was der gute alte Doktor von all dem hält.“
Hinter dem Vorhang kam ein wütendes Gesicht zum Vorschein, das zu allem Überfluss sofort zu reden begann. „Was ich davon halte?“, wiederholte er zornig, um gleich darauf zum nächsten Schlag auszuholen. Ein nicht selbstverständliches Staunen stand den Holmes Brüdern im Gesicht, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. „Ihr seid empathielose Arschlöcher, aber wenigstens besitzt einer von euch den Anstand dieses Talent nicht dafür einzusetzen um sich im Bett der Macht mit Bequemlichkeit zu umgeben.“ Watson machte absichtlich eine Pause. Und während Sherlocks Blick tatsächlich beschämt Kontakt zum Boden suchte, rollte Mycroft nur mit den Augen. „Sie haben ja keine Ahnung, worum es wirklich geht, John…“ Auf eine solche Antwort hatte John nur gewartet.
„Natürlich nicht! Ich habe nur in einen Krieg mitgekämpft, den Leute wie Sie, bei allem nötigen Respekt, angeordnet haben! Haben Sie je jemandem beim Sterben zusehen müssen? Sie waren nie dabei. Für Sie sind Tod und Elend nur Teil von Statistiken, die man gebraucht um destruktive Weltbilder zu erschaffen. Wie Sie als Mensch vor sich selbst bestehen wollen ist mir mittlerweile ein Rätsel. Sie kommen sich immer so überlegen vor in Ihren Auswertungen um Massenpsychologie, und wie man sie anwenden kann, und unterschätzen dabei immer den menschlichen Faktor!“
Stille.

geschrieben von gottileini

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5.00/8

Kommentare

gottileini schrieb am 16.04.2018 20:00 Uhr

Zutiefst beschämend, habe ich das beschämend geändert.

Honkyschwonky schrieb am 16.04.2018 19:45 Uhr

"beschämt" müsste es statt "beschämend" heissen in Zeile 365 was zufälligerweise mit der zahl korreliert, die die area51 benötigt, um einmal um die sonne zu sausen, die ein atomarer kernfusionsreaktor ist und in der vergangenheit liegt, da man den momentanen zustand ihrerselbst nie zur jetzt-zeit, weswegen ... dialektik des untergangs ... krcht ... grammatik ... krcht krcht ... husten?? ... krcht problem ... deeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeh

Schorsch Chancentod schrieb am 16.04.2018 12:17 Uhr

Nun ja. Bequemer ist es meist, nicht an der Macht zu sein.

Cooker schrieb am 16.04.2018 02:23 Uhr

Sriessamäi schreckt aus ihrem Bombenhageltraum und greift zum Fläschchen Riechsalz auf ihrem Nachttischchen.
Das leichte Rascheln hinter dem Vorhang entgeht ihr.
Sie öffnet das Fläschchen ...