31.715x gelesen 110x abonniert Ausgabe 15/26 12.04.2026 IdioLoLcrazy Jetzt registrieren

2 Zentimeter- Transformation

Wenn Koma schöner als die Zeit
ist man fürs Koma auch bereit.


Irgendwann wachte ich in meinem Bett auf und war nur noch zwei Zentimeter groß. Natürlich wusste ich das im Moment des Erwachens noch nicht...
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Wieder stürzte ich aus dem Bett, wieder stürzte ich, nein, ich schwebte wie eine Schneeflocke zu Boden, und landete wie auf Zuckerwatte, auf dem harten Linoleum. Allerdings schien die Kunststoffoberfläche seit meinem letzten Aufprall ein wenig gelitten zu haben. Ihre Furchen und Löcher kamen mir soviel größer vor, die herumliegenden Haare waren irgendwie dicker...
Plötzlich stand ein furchterregender Käfer gleicher Größe vor mir. Der Schreck hielt nicht lange an. Es war ein Museumskäfer, aber seit wann waren die zwei Zentimeter groß?
Noch ehe ich darüber nachdenken konnte, kam mir eine Museumskäferlarve schmatzend entgegen gekrochen, und sie war schneller als ich.
,DIE WILL NICHT DICH, DIE WILL DEINE KLAMOTTEN!!!', hämmerte es immer wieder in meine von Panik besessenen Synapsen hinein. Die noch vorhandene Restlogik stieß ihren letzten Atemzug aus. Ich rannte, machte mich nebenbei beim rennen nackig, bis ich nur noch meinen Schlübber anhatte. Das verschaffte mir Zeit, wenn auch nicht viel. Die Larve hatte einen unbändigen Appetit auf meine Textilen. Als ihr schlabbriger Atem allmählich näher kam, und ich mit meinen Kräften am Ende war, raffte ich mich auf um wenigstens in Würde mit Schlübber zu sterben.
„MEIN SCHLÜBBER BLEIBT BEI MIR!“, brüllte ich ihr zu, und es sollte unbedingt wie eine Mischung aus „Dirty Dancing“ und Gandalfs: „DU KOMMST NICHT VORBEI!“, klingen. Wie dämlich. Ich hatte lediglich CO2 ausgestoßen, aber viel zu wenig um als ernsthafter Fressfeind wahrgenommen zu werden. Stattdessen entschloss ich mich mein gesamtes menschliche Arsenal zu rekrutieren. Schlauch, Auspuff, Gift und Galle zur totalen heilig dreifaltigen Endschlacht gegen einen übermächtigen Gegner.
Ein schneller Schatten huschte aus meinen Augenwinkeln genau auf die Larve und verbiss sich knurrend und fetzend in ihrem Fleisch. Die Larve schrie vor Schmerzen.
„Bruno!“, hörte ich mich erleichtert flüstern. Noch nie im Leben hatte ich so glücklich einem Gemetzel zugeschaut. Und Live war es sogar eine Premiere. Doch die Larve war stark und sie verfügte über ein giftiges Verteidigungssystem. Endlich sackte sie in sich zusammen. Bruno kam mir fiepend und völlig zerzaust entgegen. Müde legte er seinen Kopf auf meinen Schoss und sah mich mit großen zufriedenen Augen an. Ein letztes Mal schnappte seine Zunge liebevoll in mein Gesicht. Dann verschwand der Glanz aus seinen Augen und seine Zunge hing wie ein schlaffes Handtuch aus seiner Schnauze. So hart es auch war, zum Trauern blieb keine Zeit.
Wie auf Stichwort tauchte mein Nachbar mit seinen zwei Töchtern auf. Starr vor Schreck blickten sie zunächst auf den toten Bruno und dann auf meine Nachbarn.
Mein Nachbar hielt seine Frauen zurück und kam langsam auf mich zu. Ob als mein Richter oder mein Freund war mir egal. Hauptsache nicht beides.
„Ich bin dein Richter und dein Freund, und als Freund sag ich dir: Verärgere meine Frauen nicht, weil ich dich sonst richten muss. Verstanden?“
Ich nickte.
„Gut?“, bestätigte er gönnerhaft und imponierend in Richtung seiner Frauen, auf das sie einen Grund hatten zu streiten ob das wirklich gut war. Sie folgten dem Drehbuch.
Die Gelegenheit nutzend zischte er mir verzweifelt ins Ohr. „Sie glauben immer noch wir sind zwei Zentimeter groß! Der Vorfall hier lässt mich als Lügner dastehen, und wenn du mir nicht hilfst, dann verlieren sie das letzte Vertrauen in mir als Vater und als Ehemann!... Also hilfst du mir?“ Ich verstand seinen Ansatz der auch in meinem Interesse lag. Niemand braucht historische Frauen in Krisenzeiten die alles besser wissen, und mit ihrem Geschrei alles schlimmer machen.
„Gibt es noch mehr von uns?“
„Du bist noch nicht sehr lange wach, oder?“
„Nein, vermutlich nicht. Ich weiß lediglich, dass wir statt zwei Zentimeter, nur noch

Zwei Millimeter

groß sind.“




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Zwei Zentimeter- Alles Banane!

Kaum hatte ich die Wohnungstür hinter uns geschlossen fing Bruno plötzlich an zu würgen. Als ich sah was er hervor gewürgt hatte traute ich meinen Augen nicht. Da liefen sie, und sie waren quicklebendig. Die Töchter und die Frau meines Nachbarn, etwa 2 Zentimeter groß. Sie tanzten und sie lachten, und als sie mich sahen lachten sie noch mehr, und ich hatte nur noch einen Gedanken. Hört der Scheiß auch irgendwann mal auf?

Was ich zunächst als Tanzen und Lachen wahrgenommen hatte erwies sich tatsächlich als weibliches Zetern und Kreischen. Bruno entpuppte sich dabei als wahrer Freund, indem er sich fiepend unter mein Bett zurückzog. Die Weiber, insbesondere die Mutter, kreischten weiter bis ich endgültig die Geduld verlor.
„SCHNAUZE! UND ZWAR ALLE!“
Das schien zu wirken. Immerhin hatte ich das effektive Anschreien von meinem Nachbarn gelernt. Die Wirkung hielt nicht lange an. Frauen sind zwar geduldig aber von Natur aus auch schwatzhaft, und da ich nichts weiter zu sagen hatte geriet ich erneut unter Beschuss.
„Wo ist Papa, und warum hast du Bruno gekidnapped? Und … warum... bist... du … so riesig?...“ Es war die jüngste Tochter die das wissen wollte. Endlich etwas, worauf ich antworten konnte.
„Euer Vater sitzt im Gefängnis weil er euch getötet hat, und ich bin so riesig weil ihr nur zwei Zentimeter groß seid... oder so um die 1, 67.“
„Unser Vater hat was? Sehen wir irgendwie tot aus?“, fuhr mich die ältere Schwester wütend an. Wenigstens redeten sie nicht mehr so durcheinander.
„Natürlich nicht!“..., versicherte ich, doch bevor ich weiter zu Wort kam, mischte sich die Mutter ein.
„Ich habe keine Idiotinnen zur Welt gebracht, also erzähl endlich die ganze Geschichte... BRUNO!“ Plötzlich tauchte Bruno neben mir auf und knurrte mich an.
„Ich habe dich befreit!“,wandte ich mich ihm zu.
„GRRRR!“, grollte er mich an. Blödes Vieh!
„Sitz!“, befahl ich und versuchte ihm das Köpflein zu tätscheln. Meine Blödheit wurde umgehend bestraft. „KRRWSCHKNACKS!“, Ich schrie vor Schmerzen während ich panisch meine blutende Hand zwischen seinen Zähnen betrachtete.
„Aus!“, rief die Mutter. Das war mein Stichwort.
Ich fiel in Ohnmacht.

Das nächste was ich hörte waren Stimmen. Stimmen wie aus einer anderen Welt. Und so sehr ich auch mitreden wollte, ich konnte meinen Mund einfach nicht bewegen, geschweige meine Zunge.
„Schwester Ratched, wie kann es sein, dass ein Patient der gut abgeschottet in der besten psychiatrischen Anstalt des Landes im Koma liegt, zwei mal bewusstlos in seiner alten Wohnung gefunden wurde?“
„Er flog wohl zwei mal über das Kuckucksnest.“, versuchte sich Schwester Ratched in einem lebhaften, cineastischen Scherz. „Witzig!“, räusperte sich der Professor und fuhr ernst fort. „Welche personellen Konsequenzen hat das zur Folge?“
„Wir haben Bruno entlassen. In seinen Nachtschichten haben sich die beiden Vorkommnisse zugetragen.“ Der Professor lächelte zufrieden. „Hat er es wenigstens zugegeben?“
„Leider nicht. Vielmehr hat er meine leitende Funktion was Logistik und Personalführung betrifft infrage gestellt.“, erklärte Schwester Ratched.
„NEIN!“
„DOCH!“
„OOOH!“
„Sie können sich sicher vorstellen wie sehr ich darunter gelitten habe, Herr Professor Mabuse, oder?“
„Aber natürlich, wer könnte das nicht. Darf ich Sie vielleicht zum Essen einladen?“
„Je eher, desto besser!!“, hauchte sie ihm entgegen. Wie zwei Turteltauben in einem Bananenkostüm torkelten sie zur Tür und ließen mich allein.
Dann wurde es dunkel.
Koma war schön.
Es tauchten alte Filme auf.
Meist waren es amerikanische Produktionen.
Angefangen hatte es mit „Spartacus“.
Dann „Matrix“, und schließlich „Herr der Ringe“.
Und viele Zwischendurchs bis zu den Literaten vergangener Zeiten.

Leo Tolstoi
Charles Bukowski
Terry Pratchett

Hermann Hesse


Und zu guter Letzt.
Musik.

A-ha
„Take on me“

Wenn Koma schöner als die Zeit
ist man fürs Koma auch bereit.

Irgendwann wachte ich in meinem Bett auf und war nur noch zwei Zentimeter groß. Natürlich wusste ich das im Moment des Erwachens noch nicht...

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Leserbriefe

Liebe Schinder Hanni, bitte mir unbedingt weiter Mails schicken wenn Rechtschreibung oder Doppelung, oder was auch immer im Text sein Unwesen treibt. Leider kann ich Dich nicht bezahlen, denn Du hattest einen zweiten Fehler übersehen, den ich dann gefunden habe. Wenn der Job demnächst besser läuft..., na Du weißt schon.

Lieber Andrea Rizzinelli, die Droge ist das menschliche Hirn. Manchmal unter Hinzuziehung bewusstseinserweiternder Substanzen die wir nicht näher beleuchten wollen. Daher, wie schon richtig erkannt, das zwei mal lesen. Herzlich willkommen!

Lieber Tommy, wenn Du es schaffst einen Kommentar zu schreiben, der länger ist als mein Artikel, geb ich Dir einen aus! Haste morgen Zeit? :)



Zwei Zentimeter- Alles Banane!




glubb


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Zwei Zentimeter- Es ist noch nicht vorbei

Dann sah er mich. Sekundenlang stand sein Mund offen und er starrte mich einfach nur an. Plötzlich sammelten sich Tränen in seinen Augen, seine weit geöffneten Mundwinkel verzogen sich nach oben und er begann schrill zu lachen und zu schreien: „Hey Dreckspatz! Halt deine Bude sauber, hahahahaahahaa...“

Drei Wochen waren seit dem Alptraum und der Begegnung mit meinem mordenden Nachbarn vergangen. Genauso lange stand auch die Wohnung leer. Beinahe fehlten mir die lautstarken Streitereien, aber noch mehr fehlte mir die Erklärung wie es mein Nachbar in meinem Alptraum geschafft hatte an den anscheinend nur wir beide uns erinnern konnten.
Ich hatte das auf meiner Arbeit und unter den wenigen Freunden die ich noch hatte getestet. Nicht einer hatte einen Traum in dem er zwei Zentimeter groß war. Stattdessen wuchs die Zahl der Erklärbären, die versuchten meinen Traum zu analysieren ins Unerträgliche. Ich hatte sogar eine Kurzgeschichte darüber verfasst und in einem Online Fußballspiel veröffentlicht. Wenigstens halfen mir die Kommentare für einige Zeit über meine innere Zerrissenheit hinweg. Doch die Sache war noch nicht ausgestanden, so lange ich nicht den Grund kannte, warum ich meinen Zwei Zentimeter Alptraum ausgerechnet mit meinem Psychonachbar verbracht hatte. Es gab nur einen Weg herauszufinden wie das möglich war. Lange Zeit sträubte ich mich dagegen, aber der Gedanke hatte sich wie eine vollgesogene Zecke in meinem Hirn festgesetzt. Und die Zecke musste weg.

„Der Gefangene ist in wenigen Minuten bei Ihnen. Wenn Sie das Gespräch mit ihm beenden wollen, drücken Sie bitte den Schalter unter ihrem Sitz, so hat Ihr Gegenüber nicht das Gefühl, das Sie an unserem Eingreifen Schuld sind.“
„Halten Sie ihn für so blöd, dass er das nicht weiß?“ Ich konnte einfach nicht anders. Anstatt einfach nur die Fresse zu halten, musste ich einen auf altklug machen. Die Antwort, deformiert in eine Frage, wurde mir entsprechend sachlich serviert. „Sie wurden informiert, dass wir ihr Gespräch aufzeichnen?“ Ich hatte den Bogen mal wieder überspannt. „Selbstverständlich.“ Nach dem Gespräch würden sie vielleicht überlegen mich gleich da zu behalten, wenn ich es nicht geschickt anstellte. Oder sie würden mich in eine Geschlossene einweisen lassen. Mein Nachbar wiederum hatte keinen Grund mich zu schonen. Immer mehr kam mir die Idee, mich mit meinem mordenden Psychonachbar in einem überwachten Raum über einen gemeinsamen Traum zu unterhalten wie eine Art geistiges Selbstmordkommando vor.
Endlich öffnete sich die Tür und mein Nachbar setzte sich vor die Glaswand. Natürlich war die nicht üblich, aber bei ihm schien man sie für angebracht zu halten. Als er mich sah, schien ihm ein Stein vom Herzen zu fallen. „Endlich!“, sagte er.
„Zum Kotzen!“, sagte ich. Er lachte. Von Herzen. Ich verstand das erst viel später.
„Kannst du mir einen Gefallen tun?“, ging er sofort in die Offensive.
„Welchen?“, hörte ich meine Stimmorgane lauthals verkünden, ohne ein Okay vom Resthirn erhalten zu haben. Mein Nachbar war klug genug um zu verstehen. Psychos können das einfach. Und ich wollte Psychos immer verstehen. Aber eben nicht um alles in der Welt.
„Kannst du Bruno aus dem Tierheim auslösen und bei dir aufnehmen?“
„STOPP!“, beendete ich den Rührseligkeitsversuch sofort. Schließlich hatte ich die Fragen. „Wie bist du in meinen Traum gelangt?“
„Alter! Du bist in meinem Traum aufgetaucht!“ Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass wir gleichermaßen überrascht waren, wer bei wem wohl das erste mal aufgetaucht war.
Spätestens jetzt mussten die Beamten, die uns zuhörten, endgültig zu dem Schluss kommen, dass auch mir staatliche Fürsorge zuteil werden musste. Wären wir doch bloß beim Hund geblieben. Vielleicht war ja noch was zu retten.
„Ich nehme Bruno auf!“, sagte ich entschlossen.
„Danke für deinen Besuch.“, sagte er leise aber bestimmt und lächelte auf eine Art die nichts gutes verhieß, sollte ich Bruno nicht retten. Psychos haben ein erschreckend einnehmendes Wesen. Kein Wunder, das so viele von ihnen Manager oder Politiker werden.

Das Tierheim hatte noch geöffnet. Bruno war noch das. Er war ein alter, treuer, zotteliger Schäferhund mit traurigen Augen. Er hatte sofort mein Herz gewonnen. Es war, als würde ich in einen Spiegel sehen.
Als er mich sah sprang er auf und fing freudig an schwanzwedelnd zu hecheln.

Kaum hatte ich die Wohnungstür hinter uns geschlossen fing Bruno plötzlich an zu würgen. Als ich sah was er hervor gewürgt hatte traute ich meinen Augen nicht. Da liefen sie, und sie waren quicklebendig. Die Töchter und die Frau meines Nachbarn, etwa 2 Zentimeter groß. Sie tanzten und lachten, und als sie mich sahen lachten sie noch mehr, und ich hatte nur noch einen Gedanken. Hört der Scheiß auch irgendwann mal auf?


In eigener Sache: Diese Fortsetzung verdankt ihr Tommy, weil er wissen wollte das es dem Hund gut geht, verdankt ihr Cooker, der wissen will wie es kafkaesk und metaffheroisch weiter geht (übrigens danke für den Vergleich, ich habs nie gelesen), und Schorsch, für den das eigentlich gereicht hätte, aber nee, das ist eben gelebte Demokratie, dass es weitergeht, und natürlich den heimlichen Lesern die das bewerten.




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Zwei Zentimeter- Leberwurstfinale

Auf dem Boden lagen Staubkörner wie Steine herum. Weggeschnippste Popel stapelten sich wie Felsbrocken auf dem Linoleum, ebenso Brotkrümel, Haare und zermatschte Fruchtfliegenleichen, die aber aufgrund der Zeit kaum von Popeln zu unterscheiden waren. Wenigstens hatten wir fürs erste Nahrung.

„So bald wir wieder groß sind solltest du dringend mal staubsaugen.“, belehrte mich mein Nachbar abermals, während wir uns vorsichtig aus der Deckung des Bettes wagten. Für mich klangen diese Worte angesichts der Umstände wie realitätsfernes Gefasel, aber ich wagte nicht zu widersprechen. Immerhin hatte mein Nachbar gerade seine Familie an den hauseigenen Schäferhund Bruno verloren, und ich nahm an, dass das seine Art war mit einem Schock dieser Größe emotional fertig zu werden.
„Ob die anderen Nachbarn auch so klein sind wie wir?“ Mein Nachbar sah mich mit großen Augen an. „Weißt du wie scheißegal mir das ist?“ Offensichtlich saß der Schock tiefer als ich dachte. Ich entschloss mich zu einer neuen Strategie. Traumatisierte Psychos muss man nur beschäftigen. „Ne Idee was wir als nächstes tun?“
„Wir schalten deinen Computer oder dein Smartphone an und erfahren was zum Geier hier los ist.“, entgegnete er grimmig. Und so klug der Gedanke auch war, ich musste unbedingt irgendeinen Schrott erwidern. „Ich hab kein Smartphone.“ Zu meiner Überraschung erkannte ich in seinen Augen so was wie Respekt als er mir zunickte. „Respekt! Dann eben dein Computer. Einer von uns klettert den Tisch zur Fernbedienung des Fernsehers hoch und der andere den...“, er sah sich meine hausgemachte Konstruktion an, „Tower! Wollen wir schnick schnack schnuck spielen um das auszulosen, oder machst du freiwillig den Computer an?“ Sein blödes, irres Grinsen machte mir eines deutlich. Je eher wir getrennte Wege gingen, desto besser. Außerdem war er viel stärker als ich. Wir winkten uns ein vorletztes mal zu.
Aus der Ferne sah ich ihm bewundernd zu, wie er sich an den Sesselfusseln hochhangelte und schließlich auf den Tisch sprang. „Dein Tisch sieht aus wie eine riesige Müllhalde!“, brüllte er lachend und wollte gar nicht mehr aufhören. „Ist das Gras da in der Plastikbox? Nein, sag nix! Es ist Gras, und dann dieser riesige Joint, heilige Scheiße. Ich wusste gar nicht das du 'n Kiffer bist, ich hab dich immer für nen verrosteten Spießer gehalten.“
„Du musst die HDM3 Taste drücken.“
Er nickte und rief: „Mooment! Ich muss das Kackteil erst mal aus der Leberwurst ziehen..ääääh...chz...äääähuuu!“
Gott, war mir das peinlich und unangenehm. Da lagen zwei alte Teller übereinander gestapelt, gefühlt um die zwanzig leere Tabakstüten, mehrere leere Bierflaschen und Kronkorken, jede Menge Kronkorken. Und natürlich die Leberwurst.
„Deine Leberwurst schmeckt leicht angeschlagen!“, feixte mein Nachbar. Sekunden später erstrahlte der Fernseher in hypnotischen Blauton. „Du bist dran, Dreckspatz!“

Ich stand noch immer wie angewurzelt vor dem Tower. Wie sollte ich da hoch kommen mit meiner Höhenangst. Meine innere Stimme mahnte. ,Du bist doch heute schon mal fünfzig Zentimeter gefallen, ohne dir was zu brechen. Was ist da schon ein Meter?'
Die ersten fünfzig Zentimeter am Rand des Pappkartons waren tatsächlich leichter als gedacht. Mein Nachbar klatschte Beifall und naschte nebenbei an der Leberwurst. Meine KI aber war glatt wie ein Ei. Wie da hoch kommen? Die Antwort war so einfach wie sie schrecklich war. Es war ein Spinnenfaden der direkt zum Dach des Towers führte. Aber was, wenn er noch aktiv war? Ich brauchte dringend eine Waffe. Am besten eine Nadel, oder einen Zahnstocher. Und wie der Zufall so wollte lag fünfzig Zentimeter unter mir eine Sicherheitsnadel.
Einige Zeit später.
Mit der Sicherheitsnadel auf dem Rücken wagte ich den Aufstieg. Und natürlich war dieser Faden noch aktiv. Auf halber Strecke kam sie mir mit ihren langen Beinen entgegen. Wie ein Held stieß ich ihr immer wieder neben die Beine, bis mit klar wurde wie unsinnig mein Unterfangen war. Ich musste ihren Körper in Distanz der Nadel kommen lassen, wobei immer die Gefahr bestand, dass sie mich durch einwickeln bewegungsunfähig machen konnte. Und so geschah es dann auch. Zwei lange Hinterbeine schlängelten sich von der Seite an mir vorbei und begannen meine Füße einzuwickeln. Der Spinnenkörper näherte sich. Ich stieß zu. Ein ohrenbetäubendes Kreischen betäubte den Raum. Ich fiel und spürte einen unbändigen Schmerz beim Aufprall. Nur mühsam hoben sich meine verklebten Augenlider. Etwas kam auf mich zu. Schemenhaft erkannte ich eine Spinne. Wie aus einem Reflex heraus schlug ich zu und betrachte anschließend meine Handfläche. Ich habe ein Spinnenbaby ermordet dachte ich bedauernd und begann mich zu erheben. Als erstes prallte ich gegen den Tower und erlöste den Pappkarton, der sein Versprechen noch vor seiner Zeit einlösen konnte. Die KI prallte erst gegen das Balkonfenster und dann krachend auf den Boden und hatte schwere innere Verletzungen zu beklagen. Und ich war offensichtlich aus dem Bett gefallen und hatte alles nur geträumt. Ich hatte ja schon öfter Alpträume, aber das...
Nur mühsam kam ich in die Gänge, aber alles was ich tat wirkte intensiver als je zuvor. Ich freute mich sogar auf die Arbeit. Beinahe fröhlich öffnete ich die Tür. Mehrere Polizisten verstopften die Treppe. Anscheinend nahmen sie mal wieder meinen Nachbarn fest.
„...nehmen wir Sie wegen des Dreifachmordes an Ihrer Frau und Ihren Kindern fest. Haben Sie meine Worte verstanden? Dann unterschreiben Sie!“ Mein Nachbar stand nur versteinert da. Sein rechter Arm führte die Hand wie mechanisch zur Unterschrift. „Ich habe alles verstanden und gebe alles zu.“
Dann sah er mich. Sekundenlang stand sein Mund offen und er starrte mich einfach nur an. Plötzlich sammelten sich Tränen in seinen Augen, seine weit geöffneten Mundwinkel verzogen sich nach oben und er begann schrill zu lachen und zu schreien: „Hey Dreckspatz! Halt deine Bude sauber, hahahahaahahaa...“




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2 Zentimeter

„74?“, antwortete ich ängstlich, obwohl dieser Mann selbst Gandalf an Falten übertraf und damit locker über die 120 schoss. Der Alte lächelte bitter und nickte wohlwollend.
„Ich bin 20.“

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Plötzlich näherte sich ein ohrenbetäubendes Getrappel. „Ach du Scheiße!“, flüsterte mein neuer Begleiter, der mindestens zwei Millimeter größer war als ich. Noch bevor ich ,Was denn?' , fragen konnte schob er mich unter mein Hochbett und drängte mich zwischen die darunter gelagerten Kartons die meine Textilien aufbewahrten. Das Getrappel wich einem unsagbar lautem Schnüffeln, Knurren und Gescharre. Immer wieder bewegten sich die Kartons gefährlich auf uns zu, und wir konnten nur mit letzter Kraft der Zerquetschung entkommen. Allmählich wurden wir müde und landeten schließlich in der letzten Ecke meines Wohnzimmers unterm Bett. Die Bestie draußen musste schon ein Genie sein um uns zu erwischen. Ich tippte auf einen Hund und plötzlich wurde mir klar, dass mein Begleiter keineswegs nur zwanzig Jahre alte war.

„Du bist keine zwanzig!“, konfrontierte ich ihn, sobald ich mir sicher war, dass der Hund das Interesse verloren hatte. Er sah mich überrascht an. „Was hat mich verraten?“ Das Gespräch begann mir auf die Nerven zu gehen. „Du bist mein Nachbar der ständig seine Frau verprügelt, weswegen sich hier regelmäßig die Bullen und die Krankenwagen ein Stelldichein geben. Ist es nicht so?“, schrie ich ihn an. Mit einem Satz sprang er auf mich zu und hielt seine tentakelartige Hand über meinem Mund. „Bruno hat ein sehr gutes Gehör, du solltest ihn nicht her locken!“, zischte er mich an. Dann ließ er von mir ab, lehnte sich gegen die Mauer und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
„Ich hab das nie gewollt!“, begann er unaufhörlich zu heulen. Weniger aus Herzensgüte, denn mehr aus Pragmatismus versuchte ich ihn mit meiner Hand auf seiner Schulter zu beruhigen. Das schien seine Heulerei nur zu ermutigen. Der Hund schien auch endlich aufgegeben zu haben, oder war einfach nur gelangweilt abgehauen, was mich sofort zu meinen nächsten Fragen brachte. Wie war das Vieh überhaupt in meine Wohnung gelangt, und warum war mein heulender Nachbar vorher in sie eingebrochen?
„Hör endlich auf zu flennen, du Idiot, und erzähl mit was passiert ist!“, unterbrach ich mein solidarisches Schulterklopfen und ersetzte es durch ein paar kräftige Backpfeifen. Allmählich entschleierte sich sein Blick und er blickte angewidert auf den Boden. „Machst du hier eigentlich auch mal sauber?“ Anstatt darauf zu antworten, packte ich ihn am Kragen, drückte ihn gegen die Wand und zischte ihm mit dem irrsten Blick den ich drauf hatte entgegen: „Ich will jetzt endlich ein paar Antworten!“
Das nächste was ich verspürte war ein vernichtender linker Haken gegen mein Kinn der mich ausknockte und gegen die Wand warf. Ich weiß noch, dass ich dachte: ,Endlich mal wieder ordentlich durchpennen!'
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Als ich nach gefühlten acht Stunden erwachte, hatte ich immer noch dieses verheulte Gesicht meines Nachbars vor der Nase. „Bist du wach?“, wagte er es mich zu fragen.
„Was ist passiert?“, stöhnte ich leise, obwohl ich ihm am liebsten eine verpasste hätte. „Bruno hat meine Frau und meine Töchter gefressen. Dann bin ich nur noch gerannt. Deine Tür stand offen, du lagst am Boden. Den Rest der Geschichte kennst du.“ Ich sah ihn ungläubig an. Sollte es wirklich so einfach sein?
Auf dem Boden lagen Staubkörner wie Steine herum. Weggeschnippste Popel stapelten sich wie Felsbrocken auf dem Linoleum, ebenso Brotkrümel, Haare und zermatschte Fruchtfliegenleichen, die aber aufgrund der Zeit kaum von Popeln zu unterscheiden waren. Wenigstens hatten wir fürs erste Nahrung.
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27.11.2025 H3HS


:)
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2 Zentimeter

Spinnen, Fliegen, Ameisen und mehr...

Irgendwann wachte ich in meinem Bett auf und war nur noch zwei Zentimeter groß. Natürlich wusste ich das im Moment des Erwachens noch nicht. So wunderte es mich auch nicht wirklich, dass mich meine Bettdecke wie ein Gebirge erdrückte, was sie praktisch täglich tat um mich davor zu bewahren in die Berufswelt hinauszuziehen. Also stand ich wie gewohnt auf und fiel 50 Zentimeter tief auf den Boden. Endlich war ich wach und doch wieder nicht. Ich hatte mir nicht mal was gebrochen. Neben mir stand mein Rechner, gut einen Meter hoch. Ich hatte ihn auf einen Pappkarton gestellt, damit ich mich beim Einschalten nicht immer so tief bücken musste. Nie hätte ich gedacht, wie brüchig meine Konstruktion war, denn mit meiner Schrumpfung, die mir immer mehr bewusst wurde und meine Laune nicht unbedingt verbesserte, schärften sich auch meine Sinnesorgane. Der Pappkarton ächzte unter seiner Last, die er nicht länger bereit zu tragen war. In spätestens vierzig Menschenjahren, so schwor er mir, werde er diese stromfressende intellektuelle Pestbeule fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Mit etwas Wehmut schaute ich auf meinen alten Rechner und mit wurde klar, dass ich wohl nie wieder Netflix schauen konnte. Plötzlich wurde mir bewusst, wie schwachsinnig mein Gedanke war. Natürlich konnte ich weiterhin Netflix sehen, aber ich komme nicht mehr an den Kühlschrank heran. Ich kann nicht mal selbstständig ein Bier öffnen, und wenn ich müde bin komme ich nicht mal in mein Bett hoch, und dann sind da ja auch noch die Insekten und Spinnen, die nicht so viel kleiner sind als ich. Kurzum, die Welt war von einer Sekunde auf die andere ein völlig neuer Ort geworden.

Als erstes begegnete mir ein Museumskäfer. Mit gerade mal zwei Millimeter Größe hätte er selbst bei einem zwei Zentimeter Hünen der ich nun war locker unter die Schuhsohle gepasst. Ich hasste diese Viecher. Ihre Larven fraßen mir regelmäßig Löcher in meine T- Shirt, weshalb ich dafür sorgte, dass immer mehr Spinnen bei mir wohnen durften. Und plötzlich stand sie vor mir.
Steatoda Triangulosa. Gattung Kugelspinnen, wie die schwarze Witwe, und nur halb so groß wie ich. Wenn die meinen Herzschlag wahrnimmt, gute Nacht! Gleichzeitig rief die Vernunft wie ein verzweifeltes Echo aus der kürzlich gewordenen alten Welt: „Es ist Altweibersommer, bleib einfach ruhig stehen, der sucht nach einem passenden Weibchen, und je panischer du reagierst, desto mehr will er dich als Geschenk mitnehmen um nach der Paarung nicht selbst gefressen zu werden.“ Steatoda kam näher. Ich starrte in seine geifernden Cheliceren die sich immer weiter öffneten um zum finalen Biss anzusetzen. Ich schloss die Augen. Ich weiß noch, dass ich dachte: Nie hätte ich gedacht, dass mich mal eine Spinne frisst. Und während ich wartete und wartete, und wartete... erst ein Auge langsam öffnete, dann ein zweites, sah ich es. Wie oft hatte ich beim beobachten meiner heimischen Arachniden darauf gehofft, dass Steatoda und Zitterspinne mal aufeinander treffen. Und jetzt sah ich es livehaftig. Steatoda hatte sich beim Angriff auf mich mit einem ihrer Hinterbeine im Signalfaden einer Zitterspinne verfangen und war ihr damit hoffnungslos ausgeliefert. Ich weiß noch, wie fasziniert ich dem Schauspiel zusah. Als wäre ich in einem Godzillafilm. Und dann wurde es zu viel. Mir wurde schwarz vor Augen.
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„Hey, Arschloch!“
„Ja?“, stöhnte ich beim Versuch die Augen zu öffnen.
„Wie lange bist du schon klein?“, erkundigte sich die Stimme, die mit einem Reibeisen hätte konkurrieren können.
„Seit 8 Uhr 30, als ich aus dem Bett gefallen bin.“
„Wie alt bist du?“, fuhr mich ein faltiges, graubärtiges Gesicht an.
„Was spielt das für eine Rolle?“
„Na gut!“, räumte der Alte ein. „Für wie alt hältst du mich?“
„Ist das eine Fangfrage?“ Der Alte rollte mit den Augen.
„74?“, antwortete ich ängstlich, obwohl dieser Mann selbst Gandalf an Falten übertraf und damit locker über die 120 schoss. Der Alte lächelte bitter und nickte wohlwollend.
„Ich bin 20.“
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Apropos:
Am 27.11 findet das dritte Honkyschwonkygerangel statt. Der gute alte Hein Seemann lädt als Titelverteidiger zum Fest.


:)
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